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Blogpost von Anna-Sophie Schönfelder Antiziganismus bebildern – geht das?

Veröffentlicht am 24.04.2026.

Ausschnitt aus dem Video „Science Slam: Antiziganismus“ von Anna-Sophie Schönfelder

Zeichne mal ein Haus. Oder eine Maus. Das klingt einfach? Super. Dann versuchen wir das nächste Level: Zeichne mal Freiheit. Oder Gesellschaft. Schon schwieriger, oder? Abstrakte soziale Konzepte zu illustrieren hat es in sich. Es gehört aber dazu, wenn man sozialwissenschaftliche Themen verständlich und spannend aufbereiten will. Etwa für einen Science Slam, bei dem mehrere Wissenschaftler:innen gegeneinander antreten und unterhaltsame Einblicke in ihre Forschung geben. An so einem Science Slam habe ich als Mitarbeiterin am Sonderforschungsbereich „Dynamiken der Sicherheit“ teilgenommen. Dort schreibe ich meine Doktorarbeit über den Zusammenhang zwischen Antiziganismus und Arbeitsethos. Ich untersuche antiziganistische Narrative in Gesetzestexten, wissenschaftlichen Abhandlungen, theologischen und politischen Schriften aus fünf Jahrhunderten, um herauszufinden, welche Funktion arbeitsbezogene Stereotype in ihnen haben. Mich interessiert, was diese Stereotype über die inneren Konflikte der Subjekte verraten, inwiefern sich in ihnen soziale Herrschaftsverhältnisse ausdrücken und wie sie in Maßnahmen gegen Sinti:ze und Rom:nja übersetzt werden. 

Bilder prägen unsere Wahrnehmung 

Bilder sind für Lernprozesse nicht nur ein dekoratives nice-to-have. Sie können viel mehr. Zum Beispiel beeinflussen sie, was wir zu glauben bereit sind. Und Glauben ist oft stärker als Wissen oder als die Gewissheit, dass wir etwas nicht wissen. Für Themen, bei denen es auf das Hinterfragen gewohnter Vorstellungen ankommt, ist es deshalb entscheidend, Bilder sehr bewusst auszuwählen und einzusetzen. Als ich für meinen Science Slam nach Illustrationen gesucht habe, war mir klar, dass ich nicht so vorgehen kann, wie das in anderen Fachgebieten möglich ist: Je abstrakter der zu erklärende Zusammenhang, desto klischeehafter dürfen die Bilder sein. Eine Mathematikerin stapelt Dreiecke, bei einer Archäologin winken Skelette mit Scherben und eine Ingenieurwissenschaftlerin lässt Zahnräder drehen. Beim Thema Antiziganismus hätte das bedeutet, ausgerechnet diejenigen visuellen Mittel zu benutzen, mit denen sich das Ressentiment reproduziert. Sie helfen nicht dabei, gewohnte Denkwege zu verlassen, sondern trampeln diese im Gegenteil noch weiter aus. Über die gesellschaftlichen Bedingungen, die Antiziganismus so langlebig machen, erfährt man durch Klischeebilder ebenso wenig wie über das Leben und die Perspektiven von Sinti:ze und Rom:nja. 

Eine Barriere namens Antiziganismus 

Für Betroffene ist Antiziganismus überhaupt kein abstraktes Konzept. Sondern eine alltägliche Bedrohung. Er verhindert, dass sie als Menschen mit individuellen Stärken und Schwächen behandelt werden. Und er ist oft auch das Motiv für gewaltsame Übergriffe. Diese Bedrohung ist so lange nicht gebannt, wie wir antiziganistische Bilder wie selbstverständlich benutzen und sie dort, wo wir ihnen begegnen, unkommentiert lassen. Weit entfernt davon, gerechtfertigte Vorwürfe oder harmlose Märchen zu transportieren, lassen solche Bilder uns glauben, sie träfen auf alle Personen zu, die dem Kollektiv zugeordnet werden. Dass sie keine wahren Beschreibungen sind, sondern der Fantasie von Außenstehenden entspringen, ist dabei nicht das einzige Problem. Sie mobilisieren auch Abgrenzungsbedürfnisse und Misstrauen. So legen sie sich um Betroffene wie eine unsichtbare Mauer, die es ihnen schwermacht, auf Augenhöhe behandelt und ernst genommen zu werden. Ganz direkt beschränken sie damit den Einfluss von Sinti:ze und Rom:nja auf Sozialpolitik, historische und kulturelle Deutungskämpfe. Insofern halten antiziganistische Bilder auch gesellschaftliche Machtgefälle aufrecht. 

Fokuswechsel verbessern die Sicht 

Dass ich für meinen Slam nicht auf das bekannte Repertoire an visuellen Klischees zurückgegriffen habe, hat aber noch einen weiteren Grund: Dieses Repertoire hilft bei meinem Anliegen überhaupt nicht weiter. Um zu verstehen, wie Antiziganismus eine Kultur stützt, in der es als Dienst an der Gemeinschaft gilt, wenn man sich mit der eigenen Arbeit identifiziert, muss man den Fokus nun einmal auf diese besagte Kultur richten. Und nicht auf diejenigen, die sich wünschen, endlich als gleichwertiger Teil dieser Kultur anerkannt zu sein. Denn die sozialen Probleme, an denen vermeintlich die Betroffenen von Antiziganismus schuld sein sollen, bestehen fort, egal wie oft man Menschen in eine Schublade steckt oder sie ausgrenzt. 

Sogar denjenigen, denen die Stigmatisierung von Minderheiten Privilegien sichert, bleibt etwas versagt. Nämlich die Erkenntnis, dass sich in Fantasien über eine vermeintlich unordentliche und kriminelle Gruppe eigene soziale Erfahrungen in verzerrter Gestalt niederschlagen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir uns permanent selbst disziplinieren müssen, um nicht ökonomisch unterzugehen – haben aber keinen Einfluss auf die Prozesse, die diese Untergangsdrohung zur Normalität machen. Wir sind gleichzeitig überfordert und ohnmächtig. Solange jede:r diesen Widerspruch in sich selbst austragen muss, bleiben Feindbilder attraktiv, die erzählen, manche würden sich sozialen Zwängen durch geschickte Tricks entziehen.  

Würden wir das aggressive Beharren auf vermeintlichen Etabliertenvorrechten hinterfragen, sähen wir vielleicht eine Furcht vor Mangel. Würden wir personifizierte Schuldzuweisungen anzweifeln, sähen wir vielleicht eine Sehnsucht nach Glück ohne Arbeit. Wir sähen Gefühle, die sehr viel mit sozialer Ungleichheit zu tun haben. Diese Ungleichheit gehört auf die politische Tagesordnung. Dann haben Betroffene von Antiziganismus eine Chance, dass Konflikte, die unsere Gesellschaft systematisch hervorbringt, nicht mehr auf ihrem Rücken ausgetragen werden. 

Denken mit dem Zeichenstift 

Mit meiner Entscheidung, den Fokus auf die Kultur zu lenken, in der Antiziganismus entsteht und tradiert wird, war aber die Frage nach der passenden Illustration noch nicht geklärt. Eigentlich hatte ich sie damit erst aufgeworfen. Als ich versuchte, Themen wie „Stigmatisierung“, „Gesellschaft“ und „Arbeit“ ins Bild zu setzen, fand ich mich in Nullkommanichts im kniffligen Level der Zeichenaufgaben wieder. Allerdings macht die Abstraktheit dieser Themen mein Experiment, sie zu veranschaulichen, auch besonders spannend. Denn wo sich simple Piktogramme als ungeeignet erweisen, wird das Zeichnen zur Reflexionsübung. Plötzlich betrachtet man den Gegenstand der eigenen Forschung unter ganz neuen Gesichtspunkten: Was ist an ihm greifbar und zugleich wesentlich? Welche bildlichen Metaphern kann man für ihn verwenden? Müssen immer Personen zu sehen sein, wenn es um soziale Verhältnisse geht? Und wie lassen sich langfristige Entwicklungen darstellen? Was ich ausprobiert habe, um dieses knifflige Level der Zeichenaufgaben zu knacken, könnt ihr in meinem Film sehen. 

Über die Autorin

Anna-Sophie Schönfelder ist politische Theoretikerin und promoviert an der Justus-Liebig-Universität Gießen zum Zusammenhang zwischen deutschem Arbeitsethos und Antiziganismus. Zwischen 2022 und 2025 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sonderforschungsbereich 138 „Dynamiken der Sicherheit“ im Projekt „Zwischen Minderheitenschutz und Versicherheitlichung: Die Herausbildung der Roma-Minderheit in der modernen europäischen Geschichte“. Sie lehrt, forscht und schreibt zur Kritik der politischen Ökonomie, zu psychoanalytischer Kulturtheorie, zur Kritik von Antiziganismus, Rassismus und Antisemitismus, zu Geschichte und Kritik des autoritären und bürgerlichen Staates sowie des liberalen Denkens. 

Zu ihren Publikationen zählen u.a.: 

  • What is the position of Roma in ‘racial capitalism’? In: Rostas, I./ Rus, C./ Mirga-Kruszelnicka, A. (Hg.): Racism and Romani Studies. Challenging Academia, Policy and Representation. Cham 2026.
  • Truth and Revolution in Marxʼs Critique of Society. (Zus. mit Bohlender, M./ Spekker, M.) Cham 2023.
  • Politics contra the functionalisation of man. Hannah Arendt’s problematic investigation of ideology and labour. In: Zeitschrift für kritische Sozialtheorie und Philosophie 5/2, 2018. 

Kontakt: anna-sophie.schoenfelder@sowi.uni-giessen.de