This page is only available in German.

Blogpost von Julia Hartmann und Dr. Radmila Mladenova Antiziganismuskritik und Comic-Analyse: „Tim und Struppi – Die Juwelen der Sängerin“

Veröffentlicht am 15.02.2026.

Hintergründe und Überblick über die zentralen Charaktere

„Tim und Struppi“ (Originaltitel: „Les aventures de Tintin“) zählt zu den bekanntesten europäischen Comic-Reihen. Geschaffen wurde sie von dem belgischen Zeichner Georges Prosper Remi, der unter dem Pseudonym Hergé veröffentlichte. Die Geschichten erschienen erstmals am 10. Januar 1929 in der Jugendbeilage „Le Petit Vingtième“ der katholischen Tageszeitung „Le Vingtième Siècle“ (Le XXe Siècle). Bis zu seinem Tod am 3. März 1983 veröffentlichte Hergé insgesamt 24 Comicalben. Ursprünglich richtete sich die Serie an Kinder und Jugendliche, erfreut sich jedoch bis heute auch großer Beliebtheit bei Erwachsenen.

Der Held dieser Abenteuer- und Detektivgeschichten ist Tim (im Original: Tintin), ein junger belgischer Reporter, der häufig auch als Detektiv agiert. Seine Markenzeichen sind die ikonische Haartolle, Knickerbocker und ein blauer Pullover. Gemeinsam mit seinem treuen Begleiter Struppi, einem intelligenten Drahthaar-Foxterrier, reist er um die Welt und erlebt zahlreiche Abenteuer. Tim wird als optimistischer, anständiger, ehrlicher und empathischer Charakter dargestellt, der sich stets für Gerechtigkeit einsetzt. An seiner Seite stehen Struppi, der cholerische und whiskeyliebende Seefahrer Kapitän Haddock sowie der geniale, schwerhörige Erfinder Professor Bienlein. Zusammen erleben sie vielfältige Abenteuer rund um den Globus. Dabei werden fremde Kulturen oftmals wenig sensibel dargestellt, was zu Kritik hinsichtlich rassistischer und kolonialistischer Einflüsse geführt hat.

Für die Analyse hier sind zudem weitere Figuren von Bedeutung: die weltberühmte italienische Opernsängerin Bianca Castafiore, die dem Comic „Die Juwelen der Sängerin“ ihren Namen gibt, sowie die Detektive Schulze und Schultze, die vergeblich versuchen, den Fall zu lösen und die vermeintlich gestohlenen Juwelen wiederzufinden. Castafiore erscheint als eigenwillige und extravagante Sängerin aus Mailand, stets begleitet von ihrer Zofe Irma und ihrem Klavierbegleiter Igor Wagner. Die Detektive Schulze und Schultze, die sich äußerlich stark ähneln, treten zwar ungeschickt auf, sind jedoch von ihren vermeintlichen Ermittlungsfähigkeiten überzeugt. 

Über den Autor und Zeichner Georges Prosper Remi (Hergé)

Für den Zeichenstil Hergés wurde in den 1970er Jahren eigens ein Begriff geprägt. Der niederländische Illustrator und Designer Joost Swarte bezeichnete die Stilrichtung als Ligne claire („klare Linie“). Charakteristisch dafür sind abstrahierend vereinfachte Zeichnungen ohne Schattierungen oder Schraffuren, die Arbeit mit einem schmalen schwarzen Konturstift zur klaren Abgrenzung von Figuren und Objekten, eine einfarbige Kolorierung sowie eine schlicht ausgearbeitete Mimik der Charaktere.

Hergé, geboren am 22. Mai 1907 in Etterbeek bei Brüssel und verstorben am 3. März 1983, wuchs in einem konservativen, katholisch und nationalistisch geprägten Elternhaus auf. Während seiner Kindheit erlebte er den Ersten Weltkrieg und die deutsche Besetzung seiner Heimat. Schon früh begeisterte er sich für das Zeichnen und veröffentlichte 1921 seine erste Zeichnung in der Zeitung „Jamais assez.“ Seine frühen Arbeiten waren stark von den katholischen und konservativen Einflüssen seiner Jugend geprägt.

Nach dem Schulabschluss begann Hergé für die katholische Zeitschrift Le XXe Siècle zu arbeiten, die auch antikommunistische und antisemitische Tendenzen aufwies. Nach dem Militärdienst übernahm der etwa 20-Jährige die Verantwortung für den Jugendteil der Zeitschrift. Am 10. Januar 1929 erschien dort das erste Abenteuer von Tim und Struppi: „Tim im Lande der Sowjets“. In Hergés Comics spiegeln sich der Zeitgeist und die politischen Einstellungen des Autors wider. Besonders in „Tim im Lande der Sowjets“ treten antikommunistische Elemente hervor. Problematisch ist auch „Tim im Kongo“, in dem die belgische Kolonialherrschaft verharmlosend dargestellt wird. Diese beiden frühen Alben sind aufgrund ihrer problematischen Themen und rassistischen Darstellungen vielfach kritisiert worden.

Hergé durchlebte zwei Weltkriege sowie zahlreiche gesellschaftliche, technische, politische und wirtschaftliche Umbrüche, die wir beim Lesen seiner Werke stets mitdenken und kontextualisieren müssen. Dabei stellt sich die Frage, wie viel Verantwortung wir dem Autor zuschreiben können, wenn wir über die Normen und Werte seiner Zeit reflektieren – und wie wir heute mit diesem Material umgehen. Medien üben einen enormen Einfluss auf gesellschaftliche Denk- und Verhaltensmuster aus; sie prägen uns bewusst wie unbewusst. Umso wichtiger ist eine diskriminationsfreie, sensible und vielfältige Repräsentation von Minderheiten. Werden stereotype Darstellungen immer wieder aufgegriffen, so verstärken und verbreiten sie antiziganistische Vorurteile und Annahmen. Eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Denk- und Verhaltensmustern erscheint daher unerlässlich.

Zusammenfassung des Comics „Tim und Struppi – Die Juwelen der Sängerin“

Der Comic „Tim und Struppi – Die Juwelen der Sängerin“ (Originaltitel: „Les Bijoux de la Castafiore“) erschien erstmals im Juli 1961 als eine Fortsetzungsreihe im Magazin „Tintin“ und wurde 1963 als 21. Album von Georges Prosper Remi (Hergé) beim belgischen Verlag Casterman veröffentlicht. Der Band umfasst 62 farbige Seiten. Er unterscheidet sich von seinen Vorgängern dadurch, dass die Handlung ausschließlich im Umfeld des Schlosses Mühlenhof spielt und auf einen klassischen Bösewicht verzichtet.

Die Geschichte beginnt mit einem Spaziergang von Kapitän Haddock und Tim auf den Waldwegen nahe dem Schloss. Dabei stoßen sie auf die örtliche Mülldeponie, auf der mehrere Wohnwagen stehen. Es handelt sich um ein „Zigeuner“-Lager, dessen Bewohner der Kapitän abwertend als „ekelhaft“ bezeichnet. Kurz darauf hören sie das Weinen eines Kindes und finden das kleine Mädchen Miarka, das sich im Wald verlaufen hat. Nach einer kurzen Auseinandersetzung mit dem cholerischen Kapitän bringen sie Miarka zu ihrer Familie zurück. Tim und Haddock erfahren, dass die Menschen nicht freiwillig auf der Mülldeponie leben, sondern von der Polizei gezwungen wurden, dort Halt zu machen. Daraufhin bietet der Kapitän ihnen an, auf dem Gelände seines Schlosses Mühlenhof zu campieren.

Nach ihrer Rückkehr erhalten Tim und seine Begleiter ein Telegramm, das die Ankunft der weltberühmten Mailänder Opernsängerin Bianca Castafiore noch am selben Tag ankündigt. Kapitän Haddock ist darüber wenig erfreut und verletzt sich bei dem Versuch, zu fliehen, an einer kaputten Treppenstufe das Bein. An den Rollstuhl gebunden kann er der Sängerin nun nicht mehr entkommen.

Bianca Castafiore erscheint mit ihrer Zofe, ihrem Klavierbegleiter, einem Papagei als Gastgeschenk und ihren wertvollen Juwelen, um die sie stets besorgt ist. Eigentlich sucht sie Ruhe, doch diese währt nicht lange: Schon bald nimmt sie ein Interviewangebot der Zeitung „Paris Flash“ an. Durch ein Missverständnis erscheint daraufhin ein Artikel über ihre vermeintlich geplante Hochzeit mit Kapitän Haddock – sehr zu dessen Missmut. Kurz darauf kündigt das Fernsehen einen Besuch an, um ein Interview zu filmen. Während der Aufnahmen kommt es zu einem Stromausfall, und die Juwelen der Sängerin scheinen gestohlen worden zu sein. Tatsächlich hatte Castafiore sie lediglich verlegt.

Nur einen Tag später verschwindet jedoch tatsächlich ein Smaragd, den sie einst vom Maharajah von Gopal geschenkt bekommen hatte. Die Detektive Schulze und Schultze werden erneut gerufen, um den Fall zu lösen. Wenig kompetent verdächtigen sie nacheinander alle Anwesenden. Als sie erfahren, dass die „Zigeuner“ auf dem Grundstück campieren, beschuldigen sie diese sofort. Gemeinsam mit Tim, der von ihrer Unschuld überzeugt ist, suchen sie das Lager auf – doch die Bewohner sind bereits weitergereist. Die Polizei wird informiert und verhaftet die Menschen, obwohl keinerlei Beweise vorliegen.

Für den Leser bleibt die Situation ambivalent, da die „Zigeuner“ im Comic als verdächtig dargestellt werden. Tim jedoch übernimmt den Fall selbst. Schließlich entdeckt er den Smaragd in einem Elsternest: Eine Elster hatte ihn gestohlen. Damit gelingt es Tim, die Unschuld der Menschen zu beweisen und ihre Freilassung zu erwirken.

Eine kritische Untersuchung des Comics

Bereits in den ersten vier Seiten des Comics wird das Lager mit seinen Bewohnern eingeführt Tim und Kapitän Haddock spazieren durch den Wald und stoßen auf die örtliche Mülldeponie, wo mehrere Wohnwagen stehen und offenbar Menschen leben. Der Kapitän reagiert darauf mit Entsetzen und Ekel. Zu Beginn bezeichnet er die dort lebenden Menschen abwertend als „Zigeuner“ und charakterisiert sie als Personen, die sich von Schmutz und Elend angezogen fühlten. Dem Leser wird dadurch ein negatives Bild dieser Menschengruppe vermittelt: Sie erscheinen als unter unhygienischen Bedingungen lebend und zugleich weit entfernt von der Mehrheitsgesellschaft. Zugleich wird das stereotype Bild des nomadischen Lebens aufgegriffen, das traditionell mit dem Begriff „Zigeuner“ verbunden wird. Der abfällige Kommentar „Keinen Sinn für Hygiene, diese Burschen! Ekelhaft!“ (S. 3) verdeutlicht die tief verwurzelten Vorurteile des Kapitäns gegenüber dieser Minderheit. Die Vorurteile des Kapitäns stehen stellvertretend für gesellschaftlich verbreitete Stereotype, werden jedoch im Verlauf der Erzählung an seiner Figur korrigiert. Die Polizeiinspektoren Schulze und Schultze hingegen äußern noch direktere Vorurteile – und dies als Repräsentanten einer staatlichen Institution. Ihre Anschuldigungen werden schließlich als unbegründet und unsinnig entlarvt.

Seiten 3-5

Als Tim und Kapitän Haddock ihren Spaziergang fortsetzen, begegnen sie dem jungen „Zigeuner“-Mädchen Miarka, das sich im Wald verirrt hat. Ihr Hautton ist etwas dunkler als der von Tim und Haddock, und sie trägt schwarze Haare. Ihre Kleidung entspricht der stereotypen Darstellung von „Zigeuner“-Figuren: eine rote Schleife im Haar, die möglicherweise ihre Jugend und Unschuld betonen soll, sowie ein knöchellanger hellblauer Faltenrock und ein rotes Oberteil. Im Vergleich zu Tim und Haddock wirkt ihre Kleidung schäbig, da der Rock Risse und Flicken aufweist. Zusammen mit der Information, dass ihre Familie auf einer Mülldeponie lebt, wird dem Leser vermittelt, dass sie arm sein muss.

Auch hier zeigt sich ein verbreitetes Stereotyp: Menschen, die als „Zigeuner“ etikettiert werden, erscheinen in den Medien häufig als Teil einer armen und marginalisierten Gesellschaftsgruppe. Miarka trägt zudem keine Schuhe – ein Detail, das entweder auf die Armut ihrer Familie verweist oder ihre vermeintliche „Wildheit“ symbolisieren soll. Diese Darstellung verstärkt die stereotype Verbindung von „Zigeuner“-Figuren mit Naturverbundenheit, Abkehr von der zivilisierten Gesellschaft und einem prämodernen Status.

Die ästhetischen Mittel betonen den visuellen Kontrast zwischen den beiden Hauptfiguren und Miarka und unterstreichen ihre Andersartigkeit. Ihre „Wildheit“ zeigt sich auch in der Szene, in der sie Kapitän Haddock beißt, nachdem er sich ihr gegenüber aufdringlich und aggressiv verhält – ein Verhalten, das im Comic sonst nur Tieren zugeschrieben wird. Tim hingegen, als optimistischer und freundlicher Protagonist, nimmt das Mädchen in Schutz.

Tim und Haddock bringen das Mädchen in das Lager zurück, wo die Bewohner den Fremden freundlich begegnen. Mehrere Generationen leben gemeinsam in den Wohnwagen. Den Lesenden wird nun ein näherer Einblick in die Lebensumstände dieser Familien gewährt: Umgeben von Müll müssen sie dort campieren. Zugleich wird deutlich, dass sie nicht freiwillig an diesem Ort verweilen, sondern von der Polizei dazu gezwungen wurden. Da ein Mitglied der Gruppe erkrankt ist, sind sie gezwungen, länger dort zu bleiben.

Damit werden tief verwurzelte gesellschaftliche Vorurteile und Annahmen angedeutet. Dass ausgerechnet die Polizei – eine Institution, die eigentlich alle Menschen schützen sollte – diese Anordnung trifft, lässt sich als deutliche Kritik Hergés an der traditionellen Verfolgung von Sinti* und Roma* durch Polizeibehörden lesen, insbesondere auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Den Lesenden wird diese Ungerechtigkeit klar vor Augen geführt, was zum Nachdenken anregt. Besonders für jüngere Leserinnen und Leser soll die Reaktion von Tim und Haddock eindeutig sein: Sie weisen auf die schwierigen Lebensbedingungen hin und können als moralische Orientierung verstanden werden.

Auf der dritten Seite findet sich zudem ein Hinweis auf die finanzielle Notlage der Lagerbewohner, da sie sich keinen Arzt für Miarka leisten können. Die rührende Wiedervereinigung von Miarka und ihrer Mutter zeigt jedoch, dass in diesem Comic das stereotype Bild einer mangelhaften Kindeserziehung nicht aufgegriffen wird. Im Folgenden soll erneut die visuelle Ästhetik betrachtet werden. Umgeben von Müll stehen bunte Wohnwagen, von denen einige verziert sind. Die Frauen tragen farbenfrohe Faltenröcke, Kopftücher und Goldschmuck, zudem sind sie barfuß dargestellt. Die Männer erscheinen in Anzügen, Hüten und bunten Schals. Alle Figuren haben eine etwas dunklere Hautfarbe als die Protagonisten und – mit Ausnahme der älteren Personen – schwarzes Haar. Ihre Kleidung wirkt abgetragen, zerknittert und ist teilweise notdürftig geflickt. Miarkas Onkel Mike wird als aufbrausend charakterisiert, da er die Ungerechtigkeiten beklagt, die seine Familie erleiden muss. Im Gespräch mit Haddock und einem älteren Herrn wird deutlich, dass sich die Gruppe selbst als „Zigeuner“ bezeichnet. Haddock bietet ihnen daraufhin an, auf seinem Grundstück zu campieren, um nicht länger an der Müllhalde leben zu müssen.

Diese Szene macht sichtbar, dass die dargestellten Menschen nicht in der Lage sind, sich eigenständig aus ihrer scheinbar ausweglosen Situation zu befreien. Problematisch ist dabei, dass Haddock in der Rolle des „weißen Retters“ erscheint – eine Figur, die die Abhängigkeit der Minderheit von der Hilfe der Mehrheitsgesellschaft betont und stereotype Machtverhältnisse reproduziert.

Dies folgt einem bekannten Muster, bei dem eine weiße Figur einer Person hilft, die von Rassismus betroffen ist. Die als „Zigeuner“ dargestellten Figuren werden dadurch handlungsunfähig gemacht und dienen lediglich als narrative Funktion, um die Geschichte voranzutreiben und Spannung zu erzeugen – ohne dass ihnen individuelle Charakterzüge zugesprochen werden.

Ein weiteres verbreitetes Klischee wird in dieser Szene aufgegriffen: das des „mystischen Zigeuners“. Eine ältere Frau versucht, Kapitän Haddock zum Dank die Zukunft durch Handlesen vorauszusagen. Sie erscheint hartnäckig und aufdringlich und verlangt für ihre Dienste Silber. Tatsächlich sagt sie den weiteren Verlauf der Handlung voraus, wodurch ihre vermeintlich magischen Fähigkeiten für die Lesenden bestätigt werden. Als Haddock sich weigert, sie zu bezahlen, prophezeit sie ihm großes Unglück und den Diebstahl der Juwelen. Diese Prophezeiung erfüllt sich, wodurch das stereotype Bild einer unheimlichen, mystischen Kraft der „Zigeuner“-Figuren erneut transportiert wird – verbunden mit der Warnung vor deren Tricks, Schwüren und Flüchen.

Szene des Einzugs der „Zigeuner“

Beim Einzug der „Zigeuner“-Figuren auf das Grundstück des Schlosses wird der Kontrast zwischen zwei Lebenswelten deutlich: auf der einen Seite die wohlhabenden und „zivilisierten“ Menschen der Mehrheitsgesellschaft, die in einem Schloss leben, auf der anderen Seite die Angehörigen der Minderheit, die in bunten Wohnwagen, von Pferden gezogen, ohne Strom und Wasser auskommen müssen. Ihre Andersartigkeit und Fremdheit wird dadurch betont und zugleich räumlich von der Mehrheitsgesellschaft abgegrenzt.

Auf Seite zweiundvierzig findet sich eine Lagerfeuerszene, die eine romantisierte und idealisierte Perspektive auf die dargestellte Minderheit eröffnet. Während eines nächtlichen Spaziergangs mit Struppi vernimmt Tim eindringliche Musik, die ihn zum „Zigeuner“-Lager führt. Unerkannt lauscht er den Klängen. Die Szene wirkt besonders eindrücklich, da sie visuell deutlich vom übrigen Album abweicht. Durch die Unterbrechung des gewohnten Zeichenstils wird die besondere Stimmung hervorgehoben. Schattierungen verstärken die Dunkelheit des Waldes, während das Licht des Lagerfeuers zugleich unheimlich und geheimnisvoll verlockend erscheint. Der Vollmond unterstreicht zusätzlich die übersinnliche Atmosphäre. Im Zentrum steht die mystische Verbindung zwischen den Bewohnern des Lagers, die eine traumhafte und beinahe magische Wirkung entfaltet. Die enge Bindung zur Natur wird durch das Lagerfeuer und die Lage des Camps mitten im Wald betont. Diese Romantisierung wirkt auf den ersten Blick harmlos, verstärkt jedoch erneut die Fremdartigkeit der Figuren. Sie schafft Distanz zwischen Lesenden und den dargestellten Menschen: Die Szene lädt zwar zum Staunen und Träumen ein, regt jedoch nicht dazu an, die Realität oder die Komplexität der Figuren und ihrer Lebenswelten kritisch zu hinterfragen.

Lagerfeuerszene

Als der Smaragd – wie von der älteren Frau zuvor prophezeit – tatsächlich verschwindet, richten die Detektive ihren Verdacht sofort auf die Lagerbewohner, sobald sie von deren Anwesenheit auf dem Grundstück erfahren. Schulze und Schultze verfügen jedoch über keinerlei Beweise; ihr Verdacht gründet allein auf tief verwurzelten Vorurteilen gegenüber „diesen“ Menschen. Damit wird das stereotype Narrativ aufgegriffen, dass alle „Zigeuner“ zu kriminellen Aktivitäten neigen. Tim kritisiert diese Haltung ausdrücklich. Besonders problematisch ist, dass die Polizei diese Annahme unterstützt und die Menschen für mehrere Tage am Weiterziehen hindert. Für sensibilisierte Leserinnen und Leser wirkt zudem der Zeitungsartikel auf Seite 50 erschreckend, da dort das Festhalten der „Zigeuner“ verharmlost wird. Diese Darstellung spiegelt gesellschaftliche Realität wider, die Hergé kritisch aufgreift: Am Ende stellt sich heraus, dass die Verdächtigten nicht die Schuldigen sind. Die Menschen dienen hier als Sündenbock für den Diebstahl – einzig aufgrund der Tatsache, dass sie als „Zigeuner“ geboren wurden. Die Protagonisten der Geschichte sind hingegen von ihrer Unschuld überzeugt und können diese schließlich auch beweisen. Dennoch erscheinen die Figuren erneut als machtlos, da ihre Befreiung allein durch das Eingreifen von Tim und seinen Freunden möglich wird.

Bei der Lektüre des Comics stellt sich den Lesenden immer wieder die Frage, ob die „Zigeuner“-Figuren nicht doch die Diebe sind. Die Handlung führt sie von einer Spur zur nächsten, bis sich schließlich herausstellt, dass es gar keinen Bösewicht gibt – sondern lediglich eine gierige Elster. Die „Zigeuner“-Figuren fungieren damit als reines Plot-Element, das Spannung, Entsetzen und Staunen erzeugt. Ebenso wie die vermeintliche Naturnähe dieser Figuren greift Hergé das Motiv einer potenziellen Kriminalität der gesamten Gruppe auf – ein Motiv, das in antiziganistischen Kontexten immer wieder auftaucht.

Der Verdacht Szenen

Gleichwohl lässt sich unterstellen, dass Hergé diese Motive bewusst einsetzt, um die damit verbundenen gesellschaftlichen Vorurteile zu brechen und als unbegründet aufzulösen. Vor allem die Zuschreibung von Kriminalität, die von Seiten der Polizei und den beiden Inspektoren ausgeht, wird letztlich als Vorurteil kenntlich gemacht. Kritisch diskutiert werden kann jedoch, ob diese Auflösung tatsächlich gelingt. Denn wenn Vorurteile wie Diebstahl oder mangelnde Hygiene thematisiert werden sollen, müssen sie zunächst benannt werden – und durch ihre Benennung finden sie bei den Lesenden in der Regel einen Resonanzraum. Werden sie nicht überzeugend durch Humor oder Argumente gebrochen, besteht die Gefahr, dass sie eher bestätigt als dekonstruiert werden.

Hergé nutzt auf der einen Seite die Welt der „Zigeuner“ als exotisierte Abenteuerwelt, auf der anderen Seite versucht er zugleich einen ersten Schritt aus dem Antiziganismus heraus. Die intendierte Auflösung der Vorurteile zugunsten der Minderheit ist im Comic jedenfalls erkennbar, auch wenn ihre Wirkung kritisch hinterfragt werden muss.

 

Der Text entstand im Rahmen des Teilprojekts „Antiziganismuskritische Filmanalyse“, das Teil des Verbundprojekts „Mediale Antiziganismen – von der interdisziplinären Analyse zur kritischen Medienkompetenz“ (MeAviA) ist.

Über die Autorinnen

Julia Hartmann studiert Geschichte und Klassische Archäologie an der Universität Heidelberg. Im Wintersemester 2024/25 nahm sie an der von Dr. Radmila Mladenova geleiteten Übung „Medien- und Vermittlungskompetenzen: The Hero’s Journey and Antigypsyism – A Racism Critical Interrogation of Literary Texts and Films“ teil. Das Seminar wurde im Rahmen des Teilprojekts „Antiziganismuskritische Filmanalyse“ konzipiert und durchgeführt.

Dr. Radmila Mladenova ist Literatur- und Filmwissenschaftlerin. Sie wurde zum Thema „Antiziganismus im Film“ promoviert und arbeitet für die Forschungsstelle Antiziganismus an der Universiät Heidelberg. Dort leitet sie meherere Projekte, unter anderem den Critical Film & Image Hub.

LIteratur und Quellen

  • Hergé (1999). Die Juwelen der Sängerin. Hamburg: Carlsen Verlag (orig. Hergé (1963). The Castafiore Emerald, Paris: Casterman).
  • Sterckx, P. (2015). Tintin: Hergé’s Masterpiece. New York: Rizzoli.