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Blogpost von Rania Ashour und Dr. Radmila Mladenova  Abschied von Sidonie: Kritische Perspektiven auf Roman und Film

Veröffentlicht am 05.01.2026.

Erinnerung bedeutet, Unrecht nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. In seiner Erzählung Abschied von Sidonie rekonstruiert Erich Hackl die wahre Geschichte von Sidonie Adlersburg, einem  Roma-Mädchen, die in den 1930er Jahren in Österreich Diskriminierung und Ausgrenzung, jedoch auch Liebe und Zuneigung von ihrer Pflegefamilie, der Familie Breirather, sowie ihrer leiblichen Mutter erfahren hat. Diese Momente der Fürsorge stehen in starkem Kontrast zur staatlich organisierten und nationalsozialistischen Ausgrenzung und Verfolgung, die Sidonie schließlich zu einem Opfer des Holocaust machte. Hackl zeigt, wie tief verwurzelte gesellschaftliche Vorurteile und politische Ideologien den Lebensweg eines Kindes unwiderruflich geprägt haben. 

Erich Hackls Erzählung Abschied von Sidonie richtet sich eher an ein erwachsenes Publikum und behandelt die wahre Geschichte des Roma-Mädchens Sidonie Adlersburg, das 1933 als Findelkind vor einem Krankenhaus in Steyr, Österreich, abgelegt wurde. Das Mädchen wird dem Jugendamt übergeben und schließlich von der Familie Breirather, einer Arbeiterfamilie mit einem Sohn, aufgenommen. Die Breirathers, die selbst mit den schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen der 1930er Jahre zu kämpfen haben, nehmen Sidonie mit Fürsorge auf.  

Dorfbewohner*innen und Mitschüler*innen stigmatisieren Sidonie aufgrund ihrer Hautfarbe und ihrer Roma-Abstammung. Die Kinder nutzen jeden Anlass, Sidonie zur Zielscheibe von Spott und Vorurteilen zu machen. Die Nachbarn beginnen, sich über Sidonies Präsenz in der Familie zu beklagen und stellen ihre Zugehörigkeit infrage. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der zunehmenden Verbreitung rassistischer Ideologien verschärft sich die gesellschaftliche Ausgrenzung. Erst als die NS-Ideologie zur Grundlage staatlichen Handelns wird, konnte diese Ausgrenzung in systematische Verfolgung und schließlich in die Ermordung ganzer Menschengruppen münden. 

Buchcover

1943 bestimmt das Jugendamt, dass Sidonie unter dem Vorwand, sie in die Obhut ihrer leiblichen Mutter zu geben, von ihrer Pflegefamilie getrennt wird. Die „Rückführung“ erweist sich als zynische und grausame Formalität: Sidonie wird nach Auschwitz deportiert, wo sie den systematischen Bedingungen von Gewalt, Hunger und Krankheit zum Opfer fällt. Ihr leiblicher Bruder Joschi Adlersburg, der Auschwitz überlebt und ihre letzten Tage miterlebt hat, berichtet später, „nicht an Typhus – an Kränkung ist sie gestorben“ (Hackl 1989, 121). Diese Worte verweisen auf die Isolation und die psychischen wie physischen Belastungen, die Sidonie durch die Verfolgung erlebt hat. Für die Familie Breirather bleibt ein tiefes Gefühl von Ohnmacht und Trauer zurück. 

Hackl setzt sich intensiv mit der Dokumentation dieser Geschichte auseinander, um das Schweigen über das Leid der Roma* und Sinti* im Nationalsozialismus zu brechen. Die folgende Analyse beleuchtet das Potenzial des Textes für den schulischen Einsatz, um junge Leserinnen und Leser für die Thematik des Antiziganismus und die Gefahren von Vorurteilen zu sensibilisieren. 

 

Historischer Kontext der Entstehung von Abschied von Sidonie 

Die Entstehung von Abschied von Sidonie war geprägt von umfangreichen Recherchen und intensiven Gesprächen mit Zeitzeug*innen. Bevor Hackl die Erzählung verfasste, entstanden zunächst zwei kürzere Texte über Sidonie Adlersburg sowie ein Drehbuch mit dem Titel Sidonie. Dieses Drehbuch wurde 1988 mit dem ersten Preis des Europäischen Drehbuchwettbewerbs ausgezeichnet und 1990 unter der Regie von Karin Brandauer verfilmt. Erst nach diesen Arbeiten widmete sich Hackl der Erzählung (Hackl 2000, 9–13). 

Den ersten Zugang zur Geschichte von Sidonie erhielt Hackl 1968 durch das Arbeiter-Ehepaar Draber in Steyr. Sie erzählten ihm von ihrem Nachbarn Manfred Breirather, Sidonies Pflegebruder, der seit Jahren darum bemüht war, Sidonies Schicksal bekannt zu machen. Dieser Hinweis weckte Hackls Interesse und führte zu ersten Gesprächen mit Breirather, die den Grundstein für seine Beschäftigung mit Sidonie legten (Hackl 2013, 46). 

Einen bedeutenden Einfluss auf die Gestaltung von Abschied von Sidonie hatte Hackls Begegnung mit Joschi Adlersburg im Jahr 1988, einem leiblichen Bruder Sidonies und Augenzeugen ihres Todes. Von ihm erfuhr Hackl neue Details über Sidonies letzte Tage. Diese neuen Erkenntnisse veranlassten Hackl, einige Aspekte seiner früheren Texte zu überarbeiten und anzupassen, um das Leid Sidonies noch präziser darzustellen, wie z. B. die letzten Momente bis zu ihrem Tod (Hackl 2000, 14–15). 

Hackls Erzählung zeigt, dass das Ringen um Anerkennung des erlittenen Unrechts die Erzählweise entscheidend prägt. Wie Markus Roth betont, zeichnen sich Zeugnisse über die Verfolgung von Sinti* und Roma* im NS-Regime durch ein hohes Maß an Authentifizierungsstrategien aus; Dokumente und Augenzeugenberichte dienen als objektive Beweise, um die Authentizität des Berichteten zu untermauern (Roth 2017, 399). Dieses Vorgehen ist eng mit der fortwährenden Diskriminierung nach 1945 verbunden und spiegelt den langwierigen Prozess wider, der Sinti* und Roma* erst spät eine breite gesellschaftliche Anerkennung gewährte. Hackls Werk steht in dieser Tradition des engagierten Erinnerns und leistet einen bedeutenden Beitrag zur Sichtbarmachung dieses oft verdrängten Teils der Geschichte (Roth 2017, 399). 

 

Literatur als Zeugnis und Verantwortung 

Seit dem Ende der 1970er Jahre sind vermehrt Zeitzeugenberichte von Sinti* und Roma* erschienen. Diese Entwicklung gewann in den 1990er Jahren an Dynamik, als zunehmend Autobiografien und literarische Bearbeitungen veröffentlicht wurden (Roth 2017, 386). Diese Zeugnisse entstanden parallel zu von Angehörigen der Sinti und Roma unter erheblichen Widerständen eingeforderten und erkämpften gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Fortschritten in der Anerkennung des erlittenen Leids (Roth 2017, 385). Beide Entwicklungen – die Zeugnisliteratur und die gesellschaftliche Anerkennung – beeinflussten sich dabei wechselseitig: Erst durch zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz wurde es möglich, den Erfahrungsberichten Raum zu geben. Gleichzeitig tragen diese Berichte wiederum dazu bei, das Bewusstsein für das Leid der Sinti* und Roma* zu schärfen und Akzeptanz zu fördern (Roth 2017, 386). 

Dabei zeigt sich, dass die Erfahrungen von Marginalisierung und Diskriminierung die Entstehung und den Charakter dieser Zeugnisse von Anfang an geprägt haben. In gewisser Weise spiegelt sich darin auch der Kampf um Sichtbarkeit und Anerkennung wider, der die Entwicklung der Literatur über die Sinti* und Roma* nachhaltig beeinflusst hat (Roth 2017, 386). 

Hackl wird hier als eine wichtige Stimme gesehen, da er mit Abschied von Sidonie zur Entstehung eines differenzierten literarischen Diskurses über die Sinti* und Roma* beiträgt und das Schweigen um ihr Leid bricht (Tebbutt 1998, 130). Werke wie dieses waren nicht nur eine Reaktion auf die Notwendigkeit, das kulturelle Erbe von Minderheiten in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, sondern auch ein Versuch, den langen Ausschluss der Sinti* und Roma* aus dem literarischen Kanon zu beenden (Tebbutt 1998, 131). 

Hackls Erzählung basiert auf realen historischen Ereignissen und nutzt eine faktenbasierte Erzählweise, um die systematische Verfolgung der Sinti* und Roma* sichtbar zu machen. Statt die Ereignisse fiktional auszuschmücken, integriert Hackl sorgfältig dokumentarische Elemente wie behördliche Schriftstücke und Zeitzeugenaussagen, um die strukturellen und administrativen Mechanismen der NS-Verfolgung sachlich und eindrücklich darzustellen. Diese Herangehensweise verbindet Hackls präzisen Schreibstil mit seinem Anspruch, historische Ereignisse verantwortungsvoll und eindringlich zu vermitteln. 

Vestli beschreibt Hackl als „politischen Autor“, der von seinen Jahren als kritischer Journalist geprägt wurde (Vestli 2003, 127). Hackls Schreibstil sei „wirtschaftlich, nüchtern und fast asketisch“, wodurch seine gelegentlichen emotionalen Ausbrüche besonders stark auf die Leser*innen wirken und eine „starke emotionale Wirkung“ erzielen (Vestli 2003, 127). Hackls dokumentarischer Stil ist jedoch nicht nur eine Erzähltechnik, sondern Ausdruck seiner tiefen moralischen Überzeugung, dass Literatur politische und soziale Verantwortung tragen muss. 

Hackl verbindet dokumentarische Strenge mit emotionaler Wirkung, insbesondere in zentralen Momenten seiner Erzählung, in denen die Erzählhaltung persönlicher wird (Roth 2017, 397). Besonders eindrücklich zeigt sich dies in der Abschiedsszene zwischen Sidonie und ihrer Pflegemutter Josefa Breirather. Diese Szene ist eine der emotional eindrücklichsten Passagen der Erzählung: 

„Das ist die Stelle, an der sich der Chronist nicht länger hinter Fakten und Mutmaßungen verbergen kann. An der er seine ohnmächtige Wut hinausschreien möchte. Sidonies Ahnungslosigkeit. Ihre plötzliche Furcht. Wie sie sich halb umdreht und an Josefa klammert. Deren Tränen. Sidonies Tränen. Josefas hilfloser Versuch, das Mädchen zu trösten.“ (Hackl 1989, 100f.) 

Hackl nutzt diesen Moment, um die Mechanismen rassistischer Politik exemplarisch darzustellen und das individuelle Leid Sidonies in einen größeren gesellschaftlichen Kontext einzubetten.  Er beschreibt seine „ohnmächtige Wut“ über dieses Schicksal und macht seine persönliche Betroffenheit an dieser Stelle spürbar (Hackl 1989, 100f.). Roth bezeichnet diese Momente als Bruch im sonst distanzierten und dokumentarischen Ton des Textes, der die Leser*innen an die Grenze zwischen nüchterner Berichterstattung und persönlicher Betroffenheit führt (Roth 2017, 398). 

 

Thematisierung von Antiziganismus: Gesellschaftliche Mechanismen der Ausgrenzung 

Ein zentraler Aspekt von Abschied von Sidonie ist die detaillierte Darstellung des Antiziganismus, der sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart eine wichtige Rolle spielt. Hackl zeigt eindringlich, wie tief Vorurteile gegen Roma* und Sinti* in der Gesellschaft verwurzelt waren und wie diese den Boden für die systematische Verfolgung bereiteten. Bereits in Sidonies Kindheit wird die Ausgrenzung offensichtlich, als sie in der Schule und im Alltag auf Ablehnung und Diskriminierung stößt. Diese Beleidigungen, die ihre Hautfarbe und ihre Herkunft ins Zentrum der Abwertung rücken, verdeutlichen die Rolle von rassistischen Stereotypen, die von der Mehrheitsgesellschaft unhinterfragt übernommen wurden. Hackl macht deutlich, wie tief diese Einstellungen im sozialen Gefüge verankert waren, indem er sowohl alltägliche Diskriminierungen als auch deren schrittweise Radikalisierung schildert. Besonders eindrücklich zeigt sich dies in einer Passage, die Sidonies Erfahrungen mit Ablehnung und Hass durch ihre Nachbarn illustriert:  

„Ein paar Nachbarn, sie spürte es, stießen sich an Sidonies Gegenwart. Das schwarze Luder muß weg. Wäre sie wenigstens verstockt gewesen, unfreundlich, nachtragend! Aber ihre Hilfsbereitschaft, die Freundlichkeit, mit der sie diese Nachbarn grüßte, der Eifer, mit dem sie bei den Altstoffsammlungen für das Winter Hilfswerk den Leiterwagen zog, erhöhten den Haß. Ein liebenswerter Untermensch, das fehlte noch.“ (Hackl 1989, 75) 

Die rassistische Ausgrenzung Sidonies ist jedoch nicht nur auf persönliche Anfeindungen beschränkt, sondern spiegelt auch eine tief verwurzelte gesellschaftliche Haltung wider. Hackl macht deutlich, dass Vorurteile gegen Roma* und Sinti* von Erwachsenen auf Kinder übertragen werden, was zu einer intergenerationellen Weitergabe rassistischer Einstellungen führt. Dies wird beispielsweise anhand der folgenden Textstelle deutlich, in der Kinder aus Berlin Sidonie anfeinden: „Dann waren da auch die Kinder aus Berlin, die wegen der Bombenangriffe aufs Land verschickt worden waren. Krobath und Lux hatten vier von ihnen aufgenommen, sie spuckten Sidonie an, wenn sie in den Hof hinunter spielen kam“ (Hackl 1989, 75). Die Szene zeigt, wie tief der Antiziganismus im sozialen Alltag verwurzelt war und rassistische Abwertungen selbst von Kindern reproduziert wurden. 

Ein zentrales Element in Hackls Auseinandersetzung mit Antiziganismus ist sein bewusster Umgang mit Sprache. Es kann dafür argumentiert werden, dass Hackl den Begriff „Zigeuner“ in seinem Werk gezielt einsetzt, um die gesellschaftliche und institutionelle Diskriminierung von Sinti* und Roma* sowie den stigmatisierenden Sprachgebrauch seiner Zeit sichtbar zu machen. Ein Beispiel dafür findet sich in der Aussage: „Das Mädchen ist, sagen wir es mal so: eine Zigeunerin“ (Hackl 1989, 124). Diese Formulierung zeigt, wie der Begriff trotz einer gewissen Distanzierung („verwenden wir dieses Wort“) verwendet wird, um das historisch vorherrschende Denken und die damit verbundene Abwertung zu verdeutlichen. Hackl verwendet den Begriff „Zigeuner“ häufig in Zitaten oder Aussagen anderer Figuren, wie etwa des Arztes, der Sidonie unmittelbar nach ihrer Auffindung im Krankenhaus als von ‚Zigeunern‘ weggelegt beschreibt, ohne daran zu zweifeln (Hackl 1989, S. 9). Dabei bewahrt Hackl selbst eine reflektierende Distanz und regt die Leser*innen dazu an, die historische und aktuelle Bedeutung solcher Begriffe kritisch zu hinterfragen. 

Neben der Darstellung der alltäglichen Diskriminierung zeigt Hackl auch, dass individuelle Zivilcourage das Leben von Kindern wie Sidonie hätte verändern können. Am Ende des Buches berichtet Hackl von einem anderen als „Zigeuner“ etikettierten Mädchen, dessen Lebensweg eine unerwartete Wendung nahm. Auf den letzten Seiten (123–128) beschreibt er, wie ein Mädchen namens Margit in Pölfing-Brunn, einer Ortschaft in der Steiermark, vor einer Deportation gerettet wurde. Als sich eine Beamtin der Behörde an Bürgermeister und Schuldirektor wendet, stellen beide dem Mädchen und den Pflegeeltern ein herausragendes Zeugnis aus. Diese bestätigen, dass das Mädchen in ihrer Obhut aufwuchs, sehr beliebt war und das Dorf sehr gut kannte. „Ein Sturm der Entrüstung wäre die Folge“ (Hackl 1989, 127), hieß es, sollte das Mädchen entfernt werden. Durch das Engagement der Dorfgemeinschaft wurde Margit vor der Deportation bewahrt und überlebte die Zeit des Nationalsozialismus. Hackl beschreibt diese Geschichte als ein Beispiel für das „Wunder“, das in den dunkelsten Zeiten manchmal zu finden ist, aber ebenso als ein „Märchen“, das zu unrealistisch erscheint, um wahr zu sein. 

Hackl zeigt am Beispiel von Margit, dass individuelle Handlungen und lokales Engagement das Schicksal von Sinti* und Roma* in bestimmten Fällen beeinflussen konnten. Während Sidonie in Auschwitz starb, überlebte Margit, weil Menschen an sie dachten. Hackl nutzt diese Kontrastgeschichte, um zu zeigen, dass die Verantwortung für das Leben oder den Tod dieser Kinder häufig nicht nur in den Händen der Bürokraten lag, sondern auch durch lokale Handlungen und durch den Widerstand der Dorfgemeinschaft beeinflusst wurde. 

Antiziganismus endet jedoch nicht mit dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus. Vorurteile und gesellschaftliche Marginalisierung der Sinti* und Roma* setzen sich auch in der Nachkriegszeit fort. Viele Roma* und Sinti* werden in der öffentlichen Wahrnehmung nicht als Opfer, sondern weiterhin als „Asoziale“ oder „Kriminelle“ stigmatisiert, was ihnen Anerkennung und Gerechtigkeit verwehrt (Roth 2017, 398). Dieses fortgesetzte Schweigen über die Verbrechen an Roma* und Sinti* verstärkte das kollektive Trauma und trug dazu bei, dass die Betroffenen lange keine Plattform für ihre Geschichten hatten. Hackls Erzählung leistet einen wichtigen Beitrag, dieses Schweigen zu brechen, indem sie das individuelle Leid Sidonies mit den systemischen Mechanismen der Diskriminierung und Verfolgung verknüpft. 

Die Thematisierung von Antiziganismus bietet eine didaktische Grundlage, um Parallelen zu gegenwärtigen Formen von Rassismus und Diskriminierung aufzuzeigen. Hackls Werk fordert dazu auf, die Mechanismen der Ausgrenzung kritisch zu reflektieren und die Verantwortung der Mehrheitsgesellschaft für den Schutz von Minderheiten anzuerkennen. 

 

Intermedialität und die Rolle des Films Sidonie 

Ein wichtiger Aspekt für den didaktischen Einsatz von Abschied von Sidonie ist der Vergleich mit Karin Brandauers Film Sidonie, der Hackls Erzählung 1990 auf die Leinwand brachte. Dabei ist hervorzuheben, dass Hackl selbst das Drehbuch für den Film verfasste, wodurch seine dokumentarische Perspektive in die filmische Umsetzung einfloss. Dennoch weisen der Film und die Erzählung Unterschiede auf, die nicht nur darauf zurückzuführen sind, dass Hackl zum Zeitpunkt des Drehbuchschreibens noch nicht Joschi Adlersburg getroffen hatte. Während Hackls Text eine dokumentarisch-nüchterne Erzählweise einnimmt, setzt Brandauer auf emotionale Intensität und visuelle Symbolik, um das Publikum zu erreichen. Tebbutt beschreibt, wie Brandauer insbesondere das private Leiden und die familiäre Dynamik der Familie Breirather in den Vordergrund stellt, was eine stärkere Identifikation mit den Figuren ermöglicht (Tebbutt 2007, 315). Der Film konzentriert sich auf die emotionale Wirkung und zeigt Sidonies Geschichte als individuelle Erfahrung. 

Brandauers künstlerische Freiheit führt zu einer Vereinfachung historischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge, insbesondere der strukturellen Dimension des Antiziganismus, die Hackl in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt. Während Hackl auf die gesellschaftliche und institutionelle Dimension des Rassismus verweist, reduziert Brandauer die Thematik auf eine dualistische Gegenüberstellung zwischen den „bösen“ Behörden und der „guten“ Pflegefamilie (Tebbutt 2007, 316). Der Film stilisiert Sidonie dabei stärker zur Märtyrerfigur, während Hackl eine subtile, analytische Distanz wahrt, die es den Leser*innen ermöglicht, die Mechanismen von Ausgrenzung und Verfolgung kritisch zu hinterfragen.  Diese stilistische Entscheidung verstärkt zwar die emotionale Wirkung des Films, lenkt aber von den komplexen gesellschaftlichen Strukturen ab, die Hackl in seiner Erzählung hervorhebt (Tebbutt 2007, 318). 

Hackls dokumentarischer Stil hingegen fordert die Leserschaft heraus, sich mit den historischen Fakten auseinanderzusetzen und eine differenzierte Perspektive auf das Geschehene zu entwickeln. Seine präzise Einbindung von Originaldokumenten und seine nüchterne, fast journalistische Sprache machen deutlich, dass Sidonies Schicksal nicht nur das Ergebnis einzelner Entscheidungen ist, sondern Ausdruck einer breiteren rassistischen Struktur. Dies unterscheidet die Erzählung deutlich vom Film, der stärker auf die individuelle Tragik fokussiert. Tebbutt hebt hervor, dass Brandauer zwar ein breites Publikum erreicht, aber dabei die Komplexität der historischen Zusammenhänge verringert (Tebbutt 2007, 314). 

Der Vergleich zwischen Buch und Film bietet vielfältige didaktische Ansätze: Er ermöglicht eine Analyse der unterschiedlichen Darstellungsweisen, von der emotionalen Ansprache im Film bis zur kritischen Reflexion in der Erzählung, und regt zur Diskussion über die Verantwortung bei der medialen Vermittlung von Minderheitenthemen an. Indem die Schüler*innen erörtern, wie verschiedene Medien mit den Themen des Rassismus und der Diskriminierung umgehen, können sie eine Sensibilität für die Herausforderungen und Potenziale unterschiedlicher Darstellungsformen entwickeln. Brandauers Adaption bietet zudem Raum für Diskussionen über die Verantwortung von Filmemachern bei der Darstellung historischer Opfergruppen und die mögliche Gefahr von Vereinfachungen und Stereotypisierungen, die beim Übertragen einer komplexen Erzählung auf die Leinwand entstehen können. 

Trotz der Vereinfachungen im Film hat die kumulative Wirkung von Buch und Film pragmatische Folgen gehabt. So wurde ein Kindergarten in Sierning-Letten nach Sidonie Adlersburg benannt und im September 2000 eröffnet, begleitet von der Enthüllung einer Skulptur zu ihrem Gedenken durch Manfred Breirather, Sidonies Pflegebruder (Tebbutt 2007, 317). 

 

Didaktische Perspektiven: Einsatz im schulischen Kontext 

Abschied von Sidonie hat als literarisches Werk, das historische und aktuelle Themen wie Rassismus und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verknüpft, einen besonderen Platz in der schulischen Bildung gefunden. Bald nach seiner Veröffentlichung wurde es zur Schullektüre und ist heute ein fester Bestandteil vieler Lehrpläne. Es wird unter anderem in den Lektüreempfehlungen für die Jahrgänge 9 und 10 in Bundesländern wie Sachsen-Anhalt, Hessen, Niedersachsen und dem Saarland aufgeführt (Hessisches Kultusministerium o. D., S. 43; Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt 2022, 7; Niedersächsisches Kultusministerium o. D., 11; Ministerium für Bildung und Kultur Saarland o. D., 44). In Baden-Württemberg wurde das Buch, wie aus dem Verlagsprogramm von Krapp & Gutknecht hervorgeht, im Jahr 2015 als Pflichtlektüre für die Realschulabschlussprüfung im Fach Deutsch ausgewählt (Verlag Krapp & Gutknecht 2015, 7). Die Tatsache, dass Abschied von Sidonie in Baden-Württemberg als Pflichtlektüre und Prüfungsinhalt ausgewählt wurde, zeigt, wie wichtig es ist, gesellschaftlich relevante Themen fest im Lehrplan zu verankern. Ohne diese Verankerung könnte die Sensibilisierung für Themen wie Rassismus und die Geschichte von Sinti und Roma im schulischen Kontext schnell in den Hintergrund treten. 

Neben der Erzählung und dem Film, der in einer DVD-Edition erhältlich ist, wurde im Jahr 2000 auch ein Materialienband (Materialien zu „Abschied von Sidonie“, Diogenes Verlag, Zürich) publiziert. Die Verfügbarkeit verschiedener Materialien, darunter der Film und der Begleitband, erleichtert es Lehrkräften, das Werk im Unterricht unterschiedlich einzusetzen. 

Hackls Abschied von Sidonie eignet sich als literarische Ressource im Unterricht, um Themen wie Rassismus, Diskriminierung und gesellschaftliche Verantwortung zu behandeln. Die Erzählung fordert die Schüler*innen auf, sich mit der historischen Dimension der Verfolgung der Sinti* und Roma* auseinanderzusetzen und gleichzeitig die Mechanismen der Ausgrenzung zu erkennen, die auch in der heutigen Gesellschaft noch präsent sind. Hackls präzise, fast journalistische Erzählweise ermöglicht es den Leser*innen, die Auswirkungen von Vorurteilen und Diskriminierung unmittelbar nachzuempfinden. 

Laut der didaktischen Bearbeitung von Jenkins für den Deutschunterricht kann die Erzählung insbesondere bei Jugendlichen dazu beitragen, Vorurteile gegenüber Minderheiten zu hinterfragen und das Bewusstsein für die historischen Hintergründe von Rassismus zu schärfen. Durch kreative Methoden wie Rollenspiele oder Schreibaufgaben, bei denen sich die Schüler*innen in die Perspektive von Sidonie oder ihrer Pflegefamilie versetzen, können empathische Zugänge entwickelt werden, die das Verständnis für die Folgen von Diskriminierung und Ausgrenzung fördern (Corvers 1999, 223). 

 

Schlussfolgerung und Bedeutung für die Erinnerungskultur 

Hackls Abschied von Sidonie ist ein Beispiel für die literarische Verarbeitung von historischen Verbrechen und den Umgang mit gesellschaftlicher Verantwortung. Das Werk zeigt, dass Literatur mehr ist als eine Erzählung von vergangenen Ereignissen. Sie ist auch ein Instrument, um über kollektive Verantwortung nachzudenken und einen aktiven Beitrag zur Erinnerungskultur zu leisten. Hackls Anspruch, das Schweigen um Sidonie Adlersburg zu brechen, ist nicht nur ein literarischer Akt, sondern auch ein Appell an die Gesellschaft, sich ihrer Verantwortung für die Vergangenheit zu stellen und Lehren für die Zukunft zu ziehen. 

Durch die Erzählung des Schicksals von Sidonie, einem Mädchen, das in der offiziellen Geschichtsschreibung oftmals vergessen wurde, fordert Hackl die Leser*innen auf, nicht nur die Vergangenheit zu erinnern, sondern aktiv an der Gestaltung einer gerechteren Zukunft mitzuwirken. Hackl setzt mit seinem Werk einen Kontrapunkt zur allgemeinen Erinnerungskultur und macht die Notwendigkeit deutlich, dass das Leid der Roma* und Sinti* in der Erinnerungskultur der Gesellschaft einen angemessenen Platz finden muss. 

 

Der Text entstand im Rahmen des Teilprojekts „Antiziganismuskritische Filmanalyse“, das Teil des Verbundprojekts „Mediale Antiziganismen – von der interdisziplinären Analyse zur kritischen Medienkompetenz“ (MeAviA) ist. 

Über die Autorinnen

Rania Ashour studierte Geschichte an der Universität Heidelberg und war von 2023 bis 2024 als Hilfskraft an der Forschungsstelle Antiziganismus tätig. Dort unterstützte sie das Verbundprojekt „Mediale Antiziganismen – von der interdisziplinären Analyse zur kritischen Medienkompetenz“ (MeAviA), insbesondere das Teilprojekt „Antiziganismuskritische Filmanalyse“. 

Dr. Radmila Mladenova ist Literatur- und Filmwissenschaftlerin. Sie wurde zum Thema „Antiziganismus im Film“ promoviert und arbeitet für die Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg. Dort leitet sie mehrere Projekte, unter anderem den Critical Film & Image Hub. 

Quellen und Literatur

Quellenverweise 

Corvers, Petra: Rezension von: Jenkins, Eva-Maria (Hrsg.): Hackl, Erich: Abschied von Sidonie: Erzählung: Didaktische Bearbeitung für den Unterricht Deutsch als Fremdsprache mit fortgeschrittenen Jugendlichen und Erwachsenen, in: Info DaF : Informationen Deutsch als Fremdsprache, 26, 2 (1999), S. 223. 

Hackl, Erich: Erich Hackl spricht über Abschied von Sidonie, in: Kastberger, Klaus & Kurt Neumann (Hg.), Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945, Bd. 2 (Profile, Bd. 20), Wien 2013, S. 46–48. 

Hackl, Ernst: Sehend gemacht: Eine Bilanz, in: Ursula Baumhauer (Hg.): Abschied von Sidonie: Materialien zu einem Buch und seiner Geschichte (Diogenes-Taschenbuch, Bd. 23027) Zürich 2000, S. 7–24. 

Hackl, Erich: Abschied von Sidonie, Zürich: Diogenes Verlag, 1989. 

Roth, Markus: Zeitzeuge und Literatur: Zeugnisse von/über Sinti und Roma im Nationalsozialismus.“ In: Josting, Petra/ Frank Reuter/ Caroline Roeder, & Ute Wolters (Hg.) „Denn sie rauben sehr geschwind jedes böse Gassenkind...“, „Zigeuner“-Bilder in Kinder- und Jugendmedien, Göttingen 2017, S. 385–400. 

Tebbutt, Susan: Intermediality and the Intercultural Dimension in Karin Brandauer’s Film Sidonie based on Erich Hackl’s Abschied von Sidonie, in: Schönfeld, Christiane (Hg.), Processes of Transposition: German Literature and Film (Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, Bd. 63), Amsterdam u.a. 2007, S. 307–322. 

Tebbutt, Susan: Challenging New Literary Images of Sinti and Roma, in: Susan Tebbutt (Hg.), Sinti and Roma: Gypsies in German-Speaking Society and Literature (Culture and Society in Germany, Bd. 2), New York & Oxford 1998, S. 129–144. 

Vestli, Elin Nesje: Erich Hackl’s Abschied von Sidonie: Breaking the Silence, in: Austrian Studies 11: ‘Hitler's First Victim’? Memory and Representation in Post-War Austria (2003), S. 122–137. 

 

Webseiten 

Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Deutsch für den gymnasialen Bildungsgang, Jahrgangsstufen 5 bis 13, o.D., S. 43. URL: file://///ad.uni-hamburg.de/redir/redir0011/BBD0389/Downloads/g9-deutsch.pdf

Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt: Lektüreempfehlungen für das Gymnasium/Berufliche Gymnasium, Schuljahrgänge 5 bis 12, Stand 01.08.2022, S. 7. URL: file://///ad.uni-hamburg.de/redir/redir0011/BBD0389/Downloads/Lektuereempfehlungen_Deu_01082022.pdf [letzter Zugriff am 20.01.2025]. 

Niedersächsisches Kultusministerium: Empfehlungen zu literarischen Texten und Medien im Deutschunterricht für die Integrierte Gesamtschule, Klasse 5–10, o.D., S. 11. URL:  file://///ad.uni-hamburg.de/redir/redir0011/BBD0389/Downloads/20200207_Literaturempfehlungen%20KC%20Deutsch%20IGS.pdf [letzter Zugriff am 20.01.2025]. 

Ministerium für Bildung und Kultur Saarland: Lehrplan Deutsch für die gymnasiale Oberstufe, Einführungsphase, o.D., S. 44. URL: file://///ad.uni-hamburg.de/redir/redir0011/BBD0389/Downloads/LP_De_EP_2019.pdf  [letzter Zugriff am 20.01.2025]. 

Verlag Krapp & Gutknecht: Verlagsprogramm 2015, o.O. 2015, S. 7. URL:  https://www.yumpu.com/de/document/read/37489109/verlagsprogramm-2015 [letzter Zugriff am 20.01.2025].