Für Frieden, Freiheit und Sicherheit Preis der Dr. Karl A. Lamers Friedens-Stiftung für Dissertation von Verena Meier verliehen

12.12.2025

Die Dr. Karl A. Lamers Friedens-Stiftung hat in diesem Jahr die Dissertation unserer Mitarbeiterin Verena Meier ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand am 10. Dezember im Rahmen einer festlichen Veranstaltung in der Aula der Alten Universität statt. Verena Meiers Studie mit dem Titel „Kriminalpolizei und Völkermord. Die nationalsozialistische Verfolgung von Sinti und Roma in Magdeburg und die Aufarbeitung dessen unter den Alliierten sowie in der DDR“ wurde im Oktober 2024 mit summa cum laude bewertet und überzeugte die Jury durch ihre wissenschaftliche Exzellenz, ihren innovativen Ansatz und ihre hohe gesellschaftliche Relevanz.

Fünf festlich gekleidete Personen in einer historischen Aula

Meier rekonstruiert den Völkermord an den Sinti und Roma am Beispiel Magdeburgs und legt dabei den Fokus auf die Rolle der lokalen Kriminalpolizeistelle. Auf der Basis von Akten aus über 30 deutschen und internationalen Archiven gelingt es ihr erstmals, polizeiliche Verfolgungspraktiken minutiös nachzuzeichnen und individuelle Verantwortlichkeiten sichtbar zu machen. Besonders hervorzuheben ist der integrierte Ansatz der Studie: Meier bezieht die Selbstzeugnisse der Verfolgten systematisch ein und macht so Handlungsspielräume, Überlebensstrategien und die vielfältigen Erfahrungen der Betroffenen sichtbar. Eine geschlechterhistorisch differenzierte Perspektive trägt zudem dazu bei, Pluralität und Diversität innerhalb der Gesellschaft herauszuarbeiten und Geschlecht als Kategorie der Unterdrückung stets mitzudenken 

Im zweiten Teil widmet sich die Dissertation der strafrechtlichen Ahndung der Täterinnen und Täter sowie der Anerkennung der Überlebenden in der SBZ/DDR. Meier zeigt, dass sowohl Strafverfolgung als auch Anerkennung als „Opfer des Faschismus“ maßgeblich von politischen Interessen geprägt waren und für die Etablierung und Erhaltung der Herrschaft der sowjetischen Besatzer und des SED-Regimes instrumentalisiert wurden. Trotz personeller Umbrüche blieb die Verurteilung der an Verbrechen gegen Sinti und Roma Beteiligten die Ausnahme. Zugleich wurde die Anerkennung als „Opfer des Faschismus“ zu einem Instrument politischer Normierung in der SED-Diktatur, was sich sowohl bei Anerkennung als auch bei Aberkennung zeigte.

Die Dissertation legt damit langfristige Kontinuitäten antiziganistischer Denkmuster über unterschiedliche politische Systeme offen, ist von überregionaler Relevanz und eröffnet neue Perspektiven für die Forschung. Ihre Ergebnisse sind nicht nur für die historische Täterforschung und die Erforschung der DDR-Geschichte von Bedeutung, sondern auch für aktuelle Debatten über Antidiskriminierungsmaßnahmen sowie zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die Jury betont, dass Meiers Arbeit in besonderer Weise dem Leitbild des Preises entspricht: Die kritische Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ist Grundvoraussetzung für Frieden, Freiheit und Sicherheit in einer demokratischen Gesellschaft.

Die Dr. Karl A. Lamers Friedens-Stiftung würdigt mit der Auszeichnung einen herausragenden wissenschaftlichen Beitrag von hoher gesellschaftspolitischer Relevanz, der die Stimmen einer lange marginalisierten Minderheit für eine „nachholende Gerechtigkeit“ stärkt und die tief verankerten polizeilichen Handlungsroutinen sichtbar macht, die epochen- und systemübergreifend Antiziganismus reproduzierten. 

Die Dissertation erscheint Mitte 2026 im Open-Access Format sowie in Druckform als Band 9 der Schriftenreihe „Antiziganismusforschung interdisziplinär“ im Verlag Heidelberg University Publishing (HeiUp).