Dan David Prize Forschung von Verena Meier mit dem weltweit größten Geschichtspreis ausgezeichnet
16.6.2026
Die Dan-David-Stiftung würdigt die historische Forschungsarbeit unserer Mitarbeiterin Verena Meier. Der Dan-David-Preis ist der weltweit höchstdotierte Preis für Geschichte. Die Auszeichnung ehrt herausragende wissenschaftliche Leistungen, die neue Perspektiven auf die Vergangenheit eröffnen und zu einem vertieften historischen Verständnis in der öffentlichen Debatte beitragen. Die jährlich bis zu neun Preisträger:innen erhalten jeweils 300.000 US-Dollar als Anerkennung für ihren Beitrag zur Erforschung der Vergangenheit und zur Unterstützung ihrer künftigen Arbeit. Die Jury charakterisiert Verena Meier als eine methodisch äußerst sorgfältige Wissenschaftlerin, deren Arbeit denjenigen eine Stimme verleiht, die zum Schweigen gebracht wurden. Gleichzeitig stelle sie sich der Herausforderung zu verstehen, wie ein soziales System genozidale Praktiken ermöglichen kann. Dabei hob das Fachgremium Meiers innovative Auseinandersetzung mit der langen Geschichte der Verfolgung von Sinti und Roma in Europa hervor. Die Preisverleihung fand Anfang Juni in Rom statt.

Verena Meier ist Historikerin und forscht schwerpunktmäßig zum NS-Völkermord an Sinti und Roma sowie zum Antiziganismus im 19. und 20. Jahrhundert. Ihre Arbeit untersucht, wie Machtinstitutionen – von der Polizei über die Kirche bis hin zu transnationalen Netzwerken von Intellektuellen – Vorstellungen von sozialer Ordnung in die Praxis umsetzen und wie diese Prozesse Inklusion, Exklusion und die Grenzen der Zugehörigkeit in modernen Gesellschaften prägen. 2018 begann sie ihre Forschungen zur nationalsozialistischen Verfolgung der Magdeburger Sinti und Roma und deren Nachgeschichte mit einem Promotionsstipendium an der Forschungsstelle Antiziganismus. Nach Beendigung ihrer mit summa cum laude bewerteten Dissertation trat sie eine Post-Doc-Stelle in der DFG-geförderten Forschungsgruppe „Antiziganismus und Ambivalenz in Europa (1850–1950)“ an. Ihr Teilprojekt beschäftigt sich mit den „Transformationen des polizeilichen antiziganistischen Diskurses: vom ,rassischen‘ Paradigma zur genozidalen Praxis (1850-1950)“. Neben ihrer Forschung engagiert sich Verena Meier in der akademischen Lehre und der internationalen Wissenschaftsvermittlung. Sie entwickelt Lehrveranstaltungen zu Antiziganismus, Holocaustforschung, Oral History und Erinnerungskultur, beteiligt sich an internationalen Forschungskooperationen und organisiert wissenschaftliche Tagungen zu Fragen der Verfolgungsgeschichte, Anerkennung und Entschädigung von NS-Unrecht. Ihre Tätigkeit zeichnet sich durch die Verbindung von archivgestützter Grundlagenforschung, internationaler Vernetzung und öffentlicher Geschichtsvermittlung aus.
Ende 2025 wurde Verena Meiers Dissertation „Kriminalpolizei und Völkermord. Die nationalsozialistische Verfolgung von Sinti und Roma in Magdeburg und die Aufarbeitung dessen unter den Alliierten sowie in der DDR“ mit dem Preis der Dr. Karl A. Lamers Friedens-Stiftung ausgezeichnet. Als Mitherausgeberin publiziert Verena Meier außerdem einen englischsprachigen Sammelband zu neuen Forschungen und Ansätzen zur „Wiedergutmachung“ von NS-Unrecht. Beide Bücher erscheinen voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2026 im Open-Access Format sowie in Druckform als Band 8 und 9 unserer Schriftenreihe „Antiziganismusforschung interdisziplinär“ im Verlag Heidelberg University Publishing (heiUP).
Der von der Dan-David-Stiftung gestiftete Preis hat seinen Sitz an der Universität Tel Aviv. Die Auszeichnung ehrt herausragende (Nachwuchs-)Wissenschaftler:innen und Fachleute in der Mitte ihrer Karriere, um ihnen zu helfen, ihr Potenzial zu entfalten – in einer Zeit, in der historisches Wissen und die Geschichtswissenschaft unter Beschuss stehen, vielen Universitätsfachbereichen die Schließung droht und die Budgets für Forschung, Archive, Bibliotheken und Museen gekürzt oder gestrichen werden.
Der Dan-David-Preis wurde 2001 vom verstorbenen Unternehmer und Philanthropen Dan David ins Leben gerufen, um innovative und interdisziplinäre Arbeiten zu würdigen, die einen Beitrag zum Wohl der Menschheit leisten. Nach einem offenen Nominierungsverfahren werden die Preisträger:innen von einem internationalen Expert:innengremium ausgewählt.
Der verstorbene Stifter und Namensgeber Dan David erlebte Verfolgung im von den Nationalsozialisten besetzten und später kommunistisch regierten Rumänien und entwickelte sich zu einem erfolgreichen Fotografen. Später war er als Unternehmer und Philanthrop tätig. Fasziniert von der automatischen Sofortbildfotografie baute er ein Unternehmen auf, das Fotoautomaten auf der ganzen Welt einführte. Er hatte ein großes Interesse an Geschichte und Archäologie – Schwerpunkte, die auch seine Stiftung auszeichnet.