Blogpost von Anna Skenderoglou Wie Musik und Film zusammenspielen – oder eine kurze Erinnerung von der richtigen Musik am richtigen Ort

Erinnerung kann ein mächtiger Motor sein. Sie hält Karrieren zusammen, formt Legenden und stiftet Sinn in Momenten, in denen alles auseinanderzufallen droht. Mit der richtigen Erinnerung verschwindet die Frage „Was soll ich machen?“ und wird zur entschlossenen Aussage: „Was kann ich sonst tun!“. Genau das steckt auch in der Geschichte des Films „Caliu – Nothing Else. What Else Can I Do?“ von Simona Constantin. 

Mit einem ausgeprägten Interesse an Musik als immateriellem Erbe illustriert Simona Constantin in diesem Dokumentarfilm, wie der rumänische Geigenvirtuose Gheorghe „Caliu“ Anghel trotz Herausforderungen mit seiner Band in der Musikszene präsent bleiben will. Was ihm Rum verschafft (hat), ist nicht selten im Zusammenhang mit Erinnerungen. In Krakau hat der Film im Wettbewerb der internationalen Musikdokumentationen dieses Jahr, nach neun Jahren Arbeit, Premiere gefeiert. 

 

Aber wer ist Simona Constantin eigentlich und was führt sie zu Caliu? 

Die rumänische Regisseurin beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit traditioneller Musik in Rumänien. Dabei fragt sie vor allem nach den Überlebenschancen und -methoden klassischer Musikrichtungen im modernen Zeitalter. In einem Interview mit einem rumänischen Radiosender erklärt sie, wie zu ihrer Zeit als Studentin mit dem Balkanik Festival oder Romeo Fantastik „alte“ Musik sehr angesagt war.  

Als sie auf die sog. Lăutari, Lautenisten, stoß, fand sie als ehemalige Freizeitklavierspielerin mit Improvisationsschwierigkeiten, dieses besondere Handwerk sofort bewundernswert. Dabei lernen die Musiker:innen, meist aus Roma-Familien, ihre Kunst – wie auch der deutsche Name verrät – ausschließlich mündlich und nach Gehör, durch Laute. Ihre Musik lebt von Intuition, Erfahrung und Erinnerung. Das macht diesen Stil aber gleichzeitig auch fragil.  

Der allgemeine Diskurs war, dass die Spieler aussterben, die Blechbläser sterben und es keinen Generationswechsel gibt. So begann ich im zweiten Jahr meines Regie-Studiums, Lautenisten für mein Dokumentarfilm-Projekt zu interviewen.

Simona Constantin, Interviews auf RockFM Romania [1]

Simona Constantin beschloss daraufhin das Balkanik Festival bei der Erstellung eines Katalogs über Geigenbauer des Landes zu unterstützen und so ein Stück zu dessen Erhalt beizutragen. Ihr Vorgehen bestand darin von Dorf zu Dorf zu gehen und zu fragen: „Spielt in der Gegend noch jemand?“. Dabei suchte sie gleichzeitig nach einem Leitcharakter für ihren Zweitjahresfilm. 

Bei der Suche wird ihr klar: alle Geschichten sind ähnlich. Genauer: Alle Geschichten sind ähnlich traurig. Dabei liegt der traurige Aspekt nicht in ihrem Wesen selbst, sondern entsteht erst in Anbetracht der Gegenwart, in der die Dorfmusiker es sich kaum noch leisten können, zu singen. Musik ist auf Abruf verfügbar und „richtiger“ Musikunterricht ebenfalls. Aber was bleibt, sind die Persönlichkeiten hinter den einzigartigen Klängen, die so viel Geschichte tragen. Eine Person strahlt besonders durch: Gheorghe „Caliu“ Anghel.  

Caliu, der Geiger in „Caliu – Nothing Else. What Else Can I Do?“

Was macht ihn so besonders?  

Für Gheorghe „Caliu“ Anghel war Musik keine Wahl, sondern Herkunft und Erbe, vielleicht sogar Schicksal. Er wurde 1960 in Clejani, Rumänien, geboren, womit ihm eine musikalische Karriere quasi in die Wiege gelegt wurde, denn die kleine Gemeinde, in der historischen Region der Walachei, ist – in den richtigen Kreisen – weltberühmt für ihre Musik. Als Mitglied einer Roma-Musikerfamilie lernte er schon als Kind das Musizieren und spielte mit acht Jahren bereits beim Taraf de Haïdoucks, dem Orchester der Haiducken. Später setzte er sich für das Weiterleben der Band ein und bereist bis heute die Welt und ihre Berühmtheiten.  

Eine kurze Geschichte der Haïdoucks: Der Name der Gruppe, der auf deutsch sehr viel weniger elegant klingt, geht auf die moderne Bedeutung des Begriffs der Haiducken zurück, die sich als „Freiheitskämpfer“ verstehen. Und so, wie Freiheit vielseitig ist, ist es auch der musikalische Stil der Band. Folklore aus Rumänien verschmelzen mit den musikalischen Nachbartraditionen, unter anderem aus Bulgarien, Griechenland und der Türkei. Weltberühmt wurde dieser vielseitige Mix vor allem durch die belgischen Musikliebhaber Stéphane Karo und Michel Weber, die sich mehr oder weniger zu den Managern der Band erklärten und internationale Gigs in Barcelona, Berlin oder New York organisierten. 

  

Musik, Regie und Erinnerung 

Simona Constantins Dokumentation über die Band und ihren Leiter Gheorghe „Caliu“ Anghel ist in ihrem filmischen Wesen ein Stück Erinnerung. Als Pendant zu den Lautenisten lebt auch ihre Dokumentation von mündlichen Erzählungen und setzt sich dabei selbst aus vielen kleinen Erinnerungsmomenten zusammen.  

Da ist an erster Stelle die Erinnerung, die Caliu von seinem ehemaligen Manager Stéphane Karo hat. Er hat erlebt, wie sich ein Mensch außerhalb seiner eigenen Gemeinde so sehr für seine Musik begeistern konnte und alles daransetzte, ihr eine Bühne zu geben. Der Tod von Karo sollte nicht das stumme Verschwinden dieses Engagements bedeuten. Die Erinnerung an ihn, brachte Caliu schließlich dazu, die Band unter eigener Führung neu zu formieren und in die Fußstapfen seines Managers zu treten. Mit dem Namen Taraf de Caliu kam die Band kurze Zeit nach Stéphane Karos Tod wieder zusammen und ein neues Album wurde aufgenommen, das heute noch nicht veröffentlicht ist. Der Film dokumentiert den Weg dorthin in einem Zeitraum von einem knappen Jahrzehnt und gibt einen Vorgeschmack für die Musik und die Persönlichkeiten hinter dem neuen Album. Und in diesem Zeitraum dokumentiert der Film noch einen weiteren Erinnerungsvorgang, einen, der weit über die Dörfer hinaus, bis nach Hollywood reicht.  

Eine kurze Geschichte von Johnny Depp und den Haïdoucks: Beim Dreh des Spielfilms „In stürmischen Zeichen“ (orig. „The Man Who Cried“) im Jahr 2000 lernte Johnny Depp die Taraf de Haïdoucks kennen. In diesem Film der britischen Regisseurin Sally Potter stand Johnny Depps Figur einer Roma-Gemeinschaft nahe, zu der auch der Geiger und einige andere Musiker aus Clejani gehörten und so freundete er sich mit Caliu am Set an. Der Film war kein Erfolg. Das Lexikon des internationalen Films kritisierte ihn für die Klischees und die leblose Abbildung von Folklore, weit entfernt von einer wahren Integration. Weitaus ehrlichere Bewunderung erhielten die Musiker aber von Johnny Depp, der sie nach dem Dreh zu sich nach Los Angeles einlud, wo sie für ihn und seine Gäste musizierten. 

Johnny Depp und Christina Ricci in “In stürmischen Zeiten”

Im Kurzfilm „Iagalo“ von Paul Tanicui aus dem Jahr 2001 wird das Ereignis mit den Worten von Caliu nacherzählt. Iagalo bedeutet hierbei sinnbildlich „brennen“: sich dem widmen, was man leidenschaftlich gerne macht und was man gut macht, mit Talent und Würde.

Johnny Depp was interested in us. He brought Vanessa Paradis, he brought Lili Rose, all the guests. That guy from the Mission: Impossible movie came.

Filmausschnitt Iagalo / Paul Tanicui [2]

Die Erinnerungen (in) der Musik behalten  

Simona Constantins Film bildet vorerst das letzte Mosaik jener Dynamik zwischen Film und Musik. Ihr Film dokumentiert das spontane Wiedersehen der beiden Männer, als Johnny Depp seinen neuen Film „Modi“ über den italienischen Künstler Amedeo Modigliani dreht. Er erinnert sich an Caliu und seine Band, als es um die musikalische Besetzung geht und er nimmt mit seiner Band einige Stücke für den Film auf.  

Simona Constantins Herangehensweise an das Filmemachen wird durch ihre jahrelange Arbeit als Designerin und Produzentin von kulturellen und pädagogischen Erfahrungen für junge Menschen geprägt. Sie ging kürzlich wieder an die Universität, um Kulturanthropologie zu studieren, und setzt ihre Forschungen zur Ethik und Dynamik kultureller Veränderungen fort. Ihr Film „Caliu – Nothing Else. What Else Can I Do?“ dokumentiert mehrere Jahre voller Erinnerungen, Musik und Mut.  

Film Still aus „Iagalo“ von Paul Tanicui

Im Interview mit dem MDR spricht sie von ihrem Wunsch, neben den großen Kinoleinwänden, den Film auch in Karawanen-Form durch die kleinen Gemeinden ziehen zu lassen, in denen heute noch Lautenisten spielen. So werden vielleicht auch die jungen Generationen von diesem Musikstil angesprochen und inspiriert ihn weiterzuführen.[3]

Was bleibt uns also anderes übrig, als ihn so bald wie möglich anzusehen? Nichts, außer bereits den Trailer anzuschauen.  

Über die Autorin

Mehrsprachig aufgewachsen und mit Kenntnissen in fünf Sprachen bringt Anna Skenderoglou ein feines Gespür für kulturelle Vielfalt und sprachliche Feinheiten mit, das ihre Perspektive auf Film und Medien prägt. Nach ihrem Studium der französischen Sprach- und Kulturwissenschaft sowie Philosophie an der Universität Heidelberg hat sie als Filmkuratorin beim Kurzfilmfestival von Nizza wertvolle Einblicke in Filmauswahl und Programmgestaltung gesammelt. Mit besonderem Interesse an der Wirkung von Originalsprache und Übersetzung auf die Filmwahrnehmung setzt sie ihr Studium nun in einem internationalen Masterprogramm fort. 

Quellen

[1] RockFM Romania: Regizoarea Simona Constantin, despre filmul „Caliu: Nicidecum altceva, ce să fac altceva”, care are premiera astăzi la TIFF, 20.06.2025 (https://www.rockfm.ro/articol/24111/regizoarea-simona-constantin-despre…), zuletzt aufgerufen am 08.09.2025.

[2] Filmausschnitt aus „IAGALO“ (https://www.youtube.com/watch?v=Z32G1HXYADo), zuletzt aufgerufen am 08.09.2025.

[3] MDR Kultur: A cappella, Breath und Calius Geige (Folk und Welt), 04.06.2025 (https://www.mdr.de/kultur/podcast/folk-und-welt/folk-und-welt-caliu100…), zuletzt aufgerufen am 08.09.2025.