Blogpost von Dr. Birgit Hofmann Weiblicher Widerstand, Düsterkeit, Licht: Augen-auf-Kinotag-Film „In Liebe, eure Hilde“ (D 2024)
Veröffentlicht am 15.01.2026.
Der Film ist dunkel ausgeleuchtet – und das muss so sein. In weiten Strecken spielt Andreas Dresens Spielfilm an einem in mehrfacher Hinsicht unheimlichen Ort: dem NS-Gefängnis Plötzensee. Dort sitzt eine junge Frau ein, die titelgebende Hilde Coppi, gespielt von Liv Lisa Fries. Die historische Hilde war Arzthelferin und Sekretärin, ein Arbeiterkind. Im Film begegnet sie uns als bescheiden, ruhig, gefestigt. Sie ist schwanger von ihrem Mann Hans (Johannes Hegemann), der – wie sie selbst – im Widerstand gegen den Nationalsozialismus engagiert ist. Die Eheleute sind Teil der sogenannten „Roten Kapelle“.
Als „Rote Kapelle“ bezeichnete die Gestapo mehrere weltanschaulich heterogene Freundes- und Widerstandskreise, die unter anderem Flugschriften gegen das NS-Regime verfassten, Informationen sammelten und weitergaben oder Funksprüche an die Sowjetunion absetzten. Der Name spielte auf Funktechnik („Klavier“) und Funker („Pianisten“) an. Das Netzwerk agierte vor allem in den Jahren 1940 bis 1942, bis es weitgehend zerschlagen wurde (vgl. u. a. Nelson 2009).
Hilde Coppi beschaffte das Funkgerät und soll nun Auskunft geben. Der Mann, der sie verhört, Familienvater, so die Narration, begegnet ihr mit Mitgefühl – was dem Film auch den Vorwurf eingetragen hat, die NS-Zeit zu verharmlosen. Dass eine schwangere deutsche Frau, die keiner per se verfolgten Minderheit angehörte und deren Widerstandspotenzial zunächst begrenzt erschien, innerhalb der nationalsozialistischen Repressionsmaschinerie durchaus auf situatives Verständnis stoßen konnte, ist historisch jedoch plausibel. Einer jüdischen Gefangenen oder einer Sinteza wäre eine solche Behandlung mit Sicherheit nicht zuteilgeworden. Insgesamt ist der Film erkennbar um historische Genauigkeit bemüht – keine leichte Aufgabe, da über Hilde Coppi nur wenige Details überliefert sind (vgl. Kruse 2024: 73).

Hilde Coppi (1909–1943) war politisch der KPD nahestehend. Ein zentraler Impuls für ihren Widerstand – ebenso wie für den ihres Mannes – ging von einer NS-Propagandaausstellung aus, die die Sowjetunion diffamierte. Hans Coppi, der aus einem kommunistisch geprägten Elternhaus stammte, war bereits im Widerstand aktiv, als sich das Paar kennenlernte und im KZ Oranienburg inhaftiert gewesen. Die beiden heirateten 1941. Hilde war jedoch nicht lediglich die Ehefrau eines Oppositionellen, sondern selbst aktiv beteiligt, etwa indem sie Materialien für Flugblätter organisierte und Papier aus ihrer Arbeitsstelle beschaffte (Kruse 2024, S. 73). Zum Tode verurteilt wurde sie wegen „Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Feindbegünstigung, Spionage und Rundfunkverbrechen“; ein Gnadengesuch wurde abgelehnt.
Etwas mehr weiß man inzwischen aus der Forschung zum Netzwerk, dem Hilde Coppi angehörte und das sie schließlich auch der unmenschlichen Nazi-Justiz auslieferte: Dies „rote Kapelle“ umfasste rund 150 Personen und war weder rein kommunistisch noch zentral von Moskau gesteuert, auch wenn Teile der Gruppe Hoffnungen auf die Sowjetunion setzten. Vielmehr handelte es sich um einen Zusammenschluss politisch engagierter Freundinnen und Freunde, der sich um den Publizisten und Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen (1909–1942) formierte, im Film verkörpert von Nico Ehrenteit. Schulze-Boysen entstammte – anders als einige seiner aus der Arbeiterklasse kommenden Mitstreiter – einem großbürgerlichen Milieu: Er war ein Großneffe Alfred von Tirpitz’ und mit Ferdinand Tönnies verwandt. Durch seine Tätigkeit im Reichsluftfahrtministerium hatte er Zugang zu geheimen Informationen, unter anderem zu Planungen des Überfalls auf Russland. Gemeinsam mit seiner Frau Libertas, dem Ehepaar Arvid und Mildred Harnack sowie weiteren Beteiligten entstand ein Kreis, der weltanschaulich durchaus heterogen war und über Deutschland hinaus Verbindungen nach Belgien und Frankreich unterhielt. Kontakte bestanden sowohl zu kommunistischen Gruppen als auch zum bürgerlichen Widerstand. Zentrale Widerstandstätigkeiten waren die Unterstützung von Verfolgten, die Dokumentation deutscher Kriegsverbrechen, das Verfassen und Verbreiten von Flugblättern – etwa mit den regimekritischen Predigten des Bischofs Clemens August Graf von Galen. Norman Ohler beschreibt das Umfeld in seinem prosaischen Historienroman als eine ungewöhnlich lebendige, bohemienhafte Gruppe: „Alle zusammen sind sie eine lustige Clique: Künstler, Schwule, schwule Künstler, Revolutionäre, Bohemiens“ (Ohler 2019). Ähnlich charakterisiert Anne Nelson die Gruppe als „more bohemian than partisan“ (Nelson 2009).

An diesem Punkt setzt die filmische Imagination ein. In Liebe, eure Hilde nutzt die historische Figur und ihr Umfeld als Projektionsfläche für ein anderes, besseres Deutschland, das zwar existierte, aber stets in der Minderheit blieb. Licht und Dunkelheit fungieren als zentrale ästhetische Mittel, um dieses andere Deutschland dem Terror der NS-Herrschaft entgegenzusetzen: Dem Gefängnisalltag und der Hinrichtung Hildes stehen in Rückblenden die hellen, beinahe unbeschwerten Momente des Lebens der jungen Widerstandsgruppe gegenüber.
Diese Form der Darstellung inszeniert dabei auch ein kollektives und individuelles Gedächtnis, in dem die hellen Szenen das Widerstandspotenzial und die Kraft des Lebendigen, von Kunst, Bohemeleben und Alltag symbolisieren, während die Gefängnisszenen die historische Realität von NS-Unterdrückung und Gewalt rekonstruieren. So wird die Repräsentation von Erinnerung als ein filmischer Prozess sichtbar, in dem historische Fakten, persönliche Erlebnisse und visuelle Fiktion verschränkt werden (vgl. z.B. Assmann 2011; Winter 2010). Der Film von Andreas Dresen vermittelt damit die Erfahrung von Geschichte als sinnlich erfahrbares Gedächtnis, das sowohl die Gefahren der NS-Herrschaft als auch die menschliche Dimension des Widerstands greifbar macht.
Der Weg in den Widerstand und das Leben der Protagonistin noch unter der NS-Herrschaft erscheinen ausschließlich in Rückblenden: Szenen am Strand, im Café oder bei privaten Feiern. Diese Passagen wurden von Teilen der Kritik als zu idyllisch empfunden. Dennoch entwirft der Film kein vollständig bereinigtes Bild des Alltags in der Diktatur. So sehen wir Hilde, wie sie aus der Kleingartenkolonie von einer dunklen Limousine abgeholt wird; ihrer Mutter (Tilla Kratochwil) teilt sie nüchtern ihre Verhaftung mit.
Die Nähe Hildes zur Arbeiterbewegung und zum Kommunismus wird nicht explizit erklärt, sondern subtil miterzählt. Diese Zurückhaltung prägt den gesamten Film: ruhig, ohne Pathos und mit vergleichsweise geringer dramatischer Zuspitzung schildert er die letzten Monate einer jungen Frau, von der Haft über die Geburt ihres Kindes bis zur Hinrichtung. Gezeigt werden entwürdigende Leibesvisitationen, Verhöre, denen Hilde standhaft begegnet, sowie die Geburt ihres Sohnes unter Haftbedingungen – bis das Todesurteil Mutter und Kind trennt.
Aus der Haft schrieb Hilde Coppi an ihre Mutter:
Meine Mutter, meine gute einzige Mutter und mein kleines Hänschen, all meine Liebe ist immer ständig um Euch. Bleibt tapfer, wie ich es auch sein will.
Hilde Coppi, Bundesarchiv
Der Ausgang der Geschichte ist von Beginn an bekannt. In beinahe brechtscher Manier – die Gefängnisszenen sind kammerspielartig inszeniert – richtet sich die Spannung nicht auf das „Was“, sondern auf das „Wie". Die nicht-chronologische Erzählweise hat dem Film den Vorwurf eingetragen, zu wenig Spannung zu erzeugen. Tatsächlich kann man fragen, ob die ruhige, anspruchsvolle Variante des Gefängnisfilms in dieser Länge (2 Std. 4 Min.) nicht stellenweise überfordert.
Die Geschichte der „Roten Kapelle“ wurde bereits mehrfach filmisch aufgearbeitet, etwa in der DEFA-Produktion KLK an PTX – Die Rote Kapelle (1971) oder in der ARD-Serie Die rote Kapelle (1972). Andreas Dresen betont als Motivation seines Films, dass weiblicher Widerstand in der Erinnerungskultur unterrepräsentiert sei. Gerade bei der sogenannten Roten Kapelle habe es „unglaublich viele tapfere Frauen“ gegeben, „die dort nicht nur Kaffee gekocht haben“ (Kronen-Zeitung 2024). Aufgewachsen in der DDR, sei er vor allem mit heroisierten Widerstandsfiguren konfrontiert gewesen; die Geschichte Hildes habe ihn gerade deshalb berührt, weil sie von „normalen Menschen“ erzähle.
Der Film trägt die Handschrift seines Regisseurs, über den das Lexikon des deutschen Films festhält, seine Werke erzählten Geschichte, „ohne Historienfilme zu sein“ (Rother 2024: 860). Wie häufig arbeitete Dresen erneut mit der Drehbuchautorin Laila Stieler zusammen. Die Konzentration auf das Persönliche im Politischen prägt auch In Liebe, eure Hilde. Für das Publikum – insbesondere für jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer, denen Liv Lisa Fries aus Babylon Berlin bekannt ist – kann dies einen besonderen Zugang eröffnen.
Das Spiel von Fries besitzt trotz historischer Kostümierung etwas Gegenwärtiges. Wenn Hans und Hilde sich über ihr neugeborenes Kind beugen, wirken sie wie junge Eltern von heute. Die Cafészenen und Ausflüge an den See erzeugen Nähe und Vertrautheit. Geschichte wird so als Gegenwart erfahrbar, während die Gefängnisszenen beinahe körperlich spürbar werden. Als „Geschichte einer bedingungslosen Liebe“ beworben, knüpft der Film bewusst an emotionale Erzähltraditionen an. Hilde erscheint als „eine von uns", zugleich aber bleibt sie in ihrer politischen Konturierung bewusst zurückhaltend. Dies kann als Stärke wie als Schwäche gelesen werden – möglicherweise auch als notwendige Strategie, um die kommunistische Prägung der Roten Kapelle in einer westdeutsch geprägten Erinnerungskultur anschlussfähig zu machen.
Im Abspann erhält Hans Coppi junior das Wort, der, im Gefängnis geboren und ohne seine Eltern aufgewachsen, später als Historiker dieser Geschichte nachspürte. Seine Mutter durfte so lange am Leben bleiben, wie sie ihn stillte. Aufgewachsen in Ost-Berlin, verkörpert er eine gesamtdeutsche Erinnerungsgeschichte. Während der Abspann einen See zeigt – ein Echo der hellen Rückblenden – erfahren wir, dass nur ein einziger Funkspruch der Coppis sein Ziel erreichte. Oder, um Harro Schulze-Boysens Motivation zu zitieren: „Die letzten Argumente sind Strang und Fallbeil nicht, und unsere heutigen Richter sind noch nicht das Weltgericht.“ Widerstand, so legt In Liebe, eure Hilde nahe, ist Handlung und Haltung zugleich – und leuchtet in der Erinnerung über das Dunkel hinaus.
Quellen und Literatur
Aleida Assmann: Cultural Memory and Western Civilization: Functions, Media, Archives. Cambridge 2011.
Elfriede Brüning: … damit Du weiterlebst, Berlin: Neues Leben 1949.
Bundesarchiv: „Immer deine Tochter Hilde“ – Abschiedsbrief der Widerstandskämpferin Hilde Coppi, BArch DY 30/38234, online einsehbar unter: https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/dokumente… [letzter Zugriff: 15.12.2025].
Hans Coppi et al. (Hrsg.): Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Berlin 1994 (Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Reihe A, Analysen und Darstellungen; Bd. 1).
Hans Coppi: Harro Schulze-Boysen: Wege in den Widerstand, 2. Auflage, Koblenz 1995.
Hans Coppi/Geertje Andresen (Hrsg.): Dieser Tod paßt zu mir. Harro Schulze-Boysen – Grenzgänger im Widerstand. Briefe 1915–1942, Berlin 2002.
Norman Ohler: Harro & Libertas: eine Geschichte von Liebe und Widerstand, Köln 2019.
Silke Kettelhake: Erzähl allen, allen von mir! Das schöne kurze Leben der Libertas Schulze-Boysen 1913–1942, München 2008.
Christiane Kruse: „Hilde Coppi“, in: Dies. (Hrsg.): Frauen gegen Hitler: weiblicher Widerstand im „Dritten Reich“, Berlin 2024, S. 73–76.
Anne Nelson: Red Orchestra: The Story of the Berlin Underground and the Circle of Friends Who Resisted Hitler, New York 2009.
Rainer Rother et al. (Hrsg.): Der deutsche Film. Aus den Archiven der Deutschen Kinemathek, Berlin 2024.
Johannes Tuchel: „Die letzten Argumente sind Strang und Fallbeil nicht.“ Ansprache am 22. Dezember 2012 in der Gedenkstätte Plötzensee zur Erinnerung an die Hinrichtungen von Angehörigen der „Roten Kapelle“ am 22. Dezember 1942, in: Die Mahnung, 60, 2013.
Kronen-Zeitung: „Viele Tränen beim Dreh zu ‚In Liebe, Eure Hilde‘“, 18.10.2024, online: https://www.krone.at/3561533 [letzter Zugriff: 15.12.2025].
Über die Autorin
Dr. Birgit Hofmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „The Critical Film & Image Hub“ an der Forschungsstelle Antiziganismus des Historischen Seminars der Universität Heidelberg. In den Jahren 2024/2025 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museumsprojekt „Das vergessene Gedächtnis“ des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg, 2022-2023 Post-Doc-Stipendiatin der Point-Alpha-Stiftung der Universität Fulda und zwischen 2015 und 2022 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Universität Heidelberg. Hier koordinierte sie 2015-2017 den Arbeitsbereich Minderheitengeschichte und Bürgerrechte in Europa, war 2018-2022 Co-Leitung des Forschungsprojekts „Verfassungsfeinde im Land?“ zum Radikalenlerlass in Baden-Württemberg und wurde 2019-2022 für ihr Post-Doc-Projekt „Visionen der Vielfalt“ zur Minderheitengeschichte durch das Brigitte-Schlieben-Lange-Programm des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) Baden-Württemberg gefördert. Publikationen, u.a.:
Birgit Hofmann: Der „Prager Frühling“ und der Westen. Frankreich und die Bundesrepublik in der internationalen Krise um die Tschechoslowakei 1968, Göttingen 2015 (Dissertation an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg), ausgezeichnet mit dem Hans-Rosenberg-Gedächtnispreis 2016; Birgit Hofmann: Menschenrecht als Nachricht. Medien, Öffentlichkeit und Moral seit dem 19. Jahrhundert, Frankfurt/M 2020.



