Blogpost von Dr. Andra Drăghiciu Rap, Schule, Leben – Der weibliche Körper zwischen Objektivierung und Individualität in der Serie „Infamia“

Veröffentlicht am 02.12.2025.

Esiste un momento in cui decidiamo di smettere di percepirci come delle cose e scegliamo di essere persone.

Silvia Grasso, Filosofia di Barbie

Als rumänische Staatsbürgerin erhielt ich bei meiner Geburt einen persönlichen numerischen Code. Dieser setzt sich aus mehreren Elementen zusammen und beginnt mit einer Ziffer, die das (biologische) Geschlecht und das Jahrhundert der Geburt angibt. Mein bester Freund und ich wurden 1988 geboren. Sein Code beginnt mit einer 1. 

Meiner mit einer 2.

Warum? 

Weil ich ein Mädchen bin...

Unabhängig vom Jahrhundert der Geburt, ist die Ziffer für das männliche biologische Geschlecht in den rumänischen persönlichen Codes immer der weiblichen voraus: 3 für Männer und 4 für Frauen im 19. Jahrhundert, 5 für Männer und 6 für Frauen im 21. Jahrhundert. Und es ist egal, wo man sich auf dem geschlechtlichen Spektrum befindet – das rumänische administrative System erkennt keine Diversität.

Nur ein Entweder-Oder.

Der rumänische Fall ist keine Ausnahme. In den meisten europäischen Ländern bekommt mensch schon bei der Geburt gesellschaftliche und gemeinschaftliche Rollen zugewiesen (wenn auch nicht so in your face mit einem numerischen Wert). Mit diesen Rollen gehen Erwartungen und Verantwortungen einher: die des Mädchens oder des Jungen, der Tochter oder des Sohnes usw. Diese Rollen sind performativ und werden uns durch sichtbare Zeichen und Symboliken noch vor der Geburt auferlegt.

Ein Beispiel: Gender-Reveal-Partys, inspiriert vom US-amerikanischen Vorbild, verkünden das Geschlecht des ungeborenen Kindes anhand der Farben Rosa oder Blau. Sie sollen die Familie auf das neue Mitglied vorbereiten. Die Gesellschaft möchte wissen, für welche Rolle das Kind bestimmt ist und davon hängt ab, wie mit ihm gesprochen wird, wie es genannt wird, welche Farben, Stoffe und Spielzeuge es umgeben.

Bevor mensch zum Individuum wird, kommt es also als soziales Objekt zur Welt. 

Mit der Entwicklung des Selbstbewusstseins als Teenager*in versuchen wir jedoch, einen Weg zu finden, soziale Erwartungen und Rollen, die einfach und klar sein müssen, mit der Komplexität unserer Individualität zu vereinen – häufig durch Trotz und Rebellion.

In den oben zitierten Worten von Silvia Grasso: 

Es gibt einen Moment, in dem wir uns entscheiden, uns nicht mehr als Dinge wahrzunehmen, sondern uns dafür entscheiden, Menschen zu sein.

Die italienische Philosophin schreibt diesen Satz in ihrem Buch über den Film Barbie und meint speziell das Verhältnis von Frauen zum eigenen Körper, den sie als soziales Objekt sieht, den Frauen erstmal zurückerobern müssen, um sich als soziale Subjekte und als Individuen positionieren zu können. 

Pink is in the air!

2023 war ein produktives Jahr für feministische Debatten. Neben dem Film Barbie erschien Angela Sainis pinkes Buch The Patriarchs: How Men Came to Rule sowie die polnische Netflix-Serie Infamia.

Die Produktion ist Teil der Netflix-Strategie, sich als globaler Akteur der Filmindustrie zu etablieren, und basiert auf einem postmodernen, neoliberalen gemeinsamen Nenner: Diversität. Dementsprechend steht im Fokus die Repräsentation der nicht-weißen Identität einer weiblichen Protagonistin, die mehrsprachig ist und auf unterschiedlichen Ebenen das traditionell „Andere“ repräsentiert. 

Gita, Romni aus Polen, lebt mit ihrer Familie in Wales und muss für eine arrangierte Ehe nach Polen zurückkehren. Sie befindet sich an der Intersektion von Alter, Geschlecht und Ethnizität und entwickelt sich im Laufe der acht Folgen einerseits von Mädchen zur Frau und andererseits von sozialem Objekt zum Individuum.

Somit ist die Serie ein gypsy-themed film, der die „Zigeuner-Figur“ instrumentalisiert, um Genderrollen zu reflektieren und zu debattieren, inwieweit der weibliche Körper dem Individuum gehört bzw. inwieweit Frauen in der patriarchalen Gesellschaft Spielraum für die Neuinterpretation, Verhandlung und Aneignung von Normen haben. 

Poster von Infamia

Die Verlagerung des Konflikts aus dem europäischen „Westen“ in den europäischen „Osten“ und die Instrumentalisierung einer gypsy mask (dt. „Zigeuner-Figur“, Radmila Mladenova) erfüllen in diesem Film also eine klassische Funktion: Als Signifikat des „Anderen“, erlaubt sie dem westlichen Publikum, die Debatten und Verhandlungen über unangenehme soziale Probleme auszulagern und schützt die Dominanzkultur davor, die eigenen Ambivalenzen aushalten zu müssen (Frank Reuter).

Anhand dreier prägnanter Rap Lieder, die sie komponiert und singt, beleuchtet dieser Text die drei wichtigsten Phasen in Gitas Coming-of-Age-Prozess im Spannungsfeld zwischen Konformismus zu dem, was von ihr als „Nummer 2“, also als weibliches soziales Objekt in einer Welt, die an traditionellen Rollenverteilungen festhält, erwartet wird, und ihren Wünschen als individuelle, moderne Frau.

1. Die Explosion

Gita lebt mit ihren Eltern und ihren jüngeren Geschwistern in Wales. Sie hat lockige schwarze Haare, fährt Fahrrad, trägt kurze Hosen, bunte Nägel, und eine goldene Kette mit einer Pistole als Anhänger. Sie hat mehrere Tattoos, ihr Freundeskreis ist divers, sie geht in die Schule und genießt ein für sie normales Teenagerleben. Das alles verlässt sie und zieht mit der Familie zurück nach Polen, ohne zu wissen, dass sie dort heiraten muss, um die Schulden des Vaters zu begleichen. 
 

Trailer

Als minderjähriges soziales Objekt ist Gita in den Augen der Gesellschaft unmündig, also ihren Eltern untergeordnet und von ihnen abhängig. Sie ist zerrissen zwischen dem Wunsch, in Wales zu bleiben, wo sie Freund*innen hat und in die Schule geht, und der Angst, fern von ihrer Familie zu sein. Obwohl sie behauptet, dass sie bald 18 wird, sich also emanzipieren und endlich ihre eigenen Entscheidungen treffen kann und der Vater ihr sogar erlaubt, in Wales zu bleiben, fährt Gita mit. Sie fühlt sich noch nicht bereit, sich von der Familie zu lösen und ihren eigenen Weg zu gehen.

Das Lied Napalm, das sie während der Autofahrt komponiert, spricht von der Explosion ihrer Welt, von den in ihren Augen unfairen Machtverhältnissen zwischen ihr und den Erwachsenen sowie von dem Schmerz, sich als unmündiges soziales Objekt und als persönlich noch unreifes Individuum dagegen nicht wehren zu können. Sie beschreibt ihr Leben als Spiel, in dem sie nur eine Spielfigur ist, die von den anderen manipuliert wird:

Napalm fiel auf meine Welt/Und es war so entflammbar/Ich finde keine Worte für meinen Rap/Oder einen Rap, um meinen Schmerz zu umarmen./Gita Burano aus Wales/Auf Achterbahnfahrt nach Polen/Mit Zungen/Sie war mal ganz hoch/Die Flamme ist tot/Wird sich etwas in mir entzünden?/Wohl kaum/Ich segle zu meiner Verbannung/Oder zum Vergießen der letzten Tropfen meines Lebens/Mit einem Katamaran/Oder wie immer das heißt/Ich habe alles dabei/Meine ganze Beute/Welcher der Kreise ist meine wahre Gang?
Wie kommt man durch diese verdammten Riten?/Wird es ein Ende haben?/Werde ich dieses Machtspiel gewinnen?/Wird irgendetwas wieder fair sein?/Kann ein Machtspiel fair sein?/Mein Leben wurde zum Spiel.

Zum Lied Napalm

Ihr Coming-of-Age-Prozess, die Verwandlung vom unmündigen sozialen Objekt zum mündigen weiblichen Individuum, beginnt also mit einer typischen Teenager-Rebellion, in der sie ihre Grenzen und den Wunsch nach Eigenständigkeit den Eltern gegenüber zwar trotzig äußert, aber noch keine legale oder emotionale Kraft hat, diesen durchzusetzen.

In neun Monaten wird sie aber 18 – just in time für eine Wiedergeburt.

2. Take a Bow!

Während sie in Wales ihre Individualität als Teenagerin ausleben durfte, wird Gita bei der Ankunft in Polen von ihrer Mutter an ihre soziale Rolle erinnert: Eine Tochter ist die Reflektion ihres Vaters, also wirkt sich ihr Verhalten auf ihn und somit auf die gesamte Familie aus. Ihre Individualität in Form von Sprache, Denken und Kleidung wird hier nicht mehr akzeptiert – es wird von ihr erwartet, in die Rolle der gehorsamen Tochter zu schlüpfen, die eine Verantwortung gegenüber der Familie hat. Wenn sie diese Rolle richtig spielt, werden sie von Schande und Armut gerettet. Um die Schulden des Vaters zu begleichen, wird der weibliche Körper der Tochter ohne ihre Zustimmung einem anderen Mann versprochen.

Ab dem Grenzübergang nach Polen erwartet die Mutter, dass Gita Romanipen befolgt. Dieses besage, dass eine Frau bescheiden sein soll und unterschiedliche Tabus in Zusammenhang mit ihrem Körper beachten muss. Dementsprechend darf Gita nicht mehr über ihre Periode oder andere physiologische Prozesse reden bzw. „unreine“ Worte benutzen. Um in Polen überhaupt Romni sein zu können, muss sie außerdem einen Rock tragen. Sie weigert sich, dieses Kleidungsstück zu akzeptieren, sich anzupassen, und erwidert: „Dann bin ich wohl keine Roma.“

Die Kategorie „Roma“ hatte in Wales gesellschaftlich weniger eine Rolle gespielt, sodass sie dort in erster Linie ihre Identität als Teenagerin ausleben konnte. In Polen wird das Roma-Sein zu einem performativen Akt, der mit bestimmten Codes einhergeht, die mit Gitas Persönlichkeit nicht kompatibel sind. Trotz ihres Trotzes ist sie sichtbar berührt, als sie die Familie und vor allem ihre Großmutter wiedersieht.

Im großen Haus des Onkels, wo mehrere Familien zusammenleben, bekommt Gita kein eigenes Zimmer. Sie wird noch als Kind gesehen und muss das Zimmer mit ihren jüngeren Geschwistern und Cousins teilen. Die Tatsache, dass sie immer noch kurze Hosen trägt, führt dazu, dass ihre Mutter von den Tanten beschuldigt wird, ihre Tochter falsch erzogen zu haben. Als sie merkt, dass sich ihr Verhalten auf die Mutter schlecht auswirkt, entscheidet Gita, dem Rock eine Chance zu geben und sich die Haare zu binden. Noch gefangen in ihrer Rolle als Tochter, möchte Gita ihre Mutter beschützen, doch das geht gegen ihre feministischen Prinzipien. Sie empfindet die Regeln des Romanipen als veraltet und patriarchal und würde sich gerne widersetzen, aber dadurch schadet sie ihren Eltern. Ihr identitäres Dilemma bekommt somit eine weitere Dimension: Wie kann sie sich als autonomes weibliches Subjekt in dieser Welt positionieren?

Überrascht erfährt sie von der Großmutter die Geschichte ihrer Urgroßmutter, die Tattoos im Gesicht hatte und in der Roma-Familie großes Ansehen genoss. Die Großmutter meint, Romanipen schreibe vor, dass man klugen Leuten folgen sollte und nicht unbedingt solchen, die Hosen tragen. Es ist jedoch eben diese streng binäre Welt, in der man Menschen anhand ihres biologischen Geschlechts kleidet und ihnen soziale Rollen zuschreibt, dieses Entweder-Oder, in dem sich Gita nicht wiederfindet. Die Geschichte der Urgroßmutter macht ihr trotzdem Hoffnung und öffnet sie für eine feministische Schwesternschaft als sie einsieht, dass Frauen nur gemeinsam erfolgreich gegen das Patriarchat kämpfen können.

Dass Feminismus ein Staffellauf ist, unterstreicht auch die schon zitierte Philosophin Silvia Grasso. Durch ihre Großmutter übernimmt Gita die Stafette von ihrer Urgroßmutter und wird diese später an ihre jüngere Schwester weitergeben. 

Gita muss aber nicht nur ihre Individualität und die Zugehörigkeit zu ihrer Familie ständig verhandeln, sondern möchte als Teenagerin auch Teil einer Peer-Group sein. Weil sie aus Wales kommt und cool aussieht, wird sie sehr schnell in einer Gruppe von Schulfreund*innen aufgenommen, die sie mit freundschaftlichem Rat sogar vor „Zigeunern“ warnen. Wegen ihres Kleidungsstils und ihrer Haltung wird sie von den Gleichaltrigen in der antiziganistischen polnischen Gesellschaft nicht als Romni gelesen. Sie nutzt diese Chance, lügt über ihre Herkunft und geriet somit in einen weiteren inneren Konflikt.

Als sie durch ihre Tanten als Romni geoutet und von der ganzen Schule abgelehnt wird, ist Gita erstmal verzweifelt und allein, sieht sich dadurch aber auch gezwungen, sich ihrer ambivalenten Identität zu stellen.

Sie wird von keiner der beiden Seiten völlig akzeptiert. Für die Roma ist sie anders: Die Frauen sind ihr skeptisch gegenüber, weil sie sich nicht so kleidet, nicht isst, spricht, singt und sich nicht so verhält, wie es von Roma-Frauen erwartet wird. Für die Patriarchen stellt sie ein zu eroberndes Territorium bzw. eine Gefahr dar. So meint ihr Onkel Stefan zu ihrem Vater: „Um ein wildes Pferd zu reiten, musst du es brechen. Kannst du sie brechen?“ und ihr Schwiegervater in spe äußert sich verzweifelt: „Das Mädchen ist wie eine Waffe. Man weiß nie, wann sie losgeht.“ 

Gleichzeitig wird Gita wegen ihrer Ethnizität und wegen ihrer Lügen von der polnischen Peer-Group abgelehnt. In diesem identitären Niemandsland entscheidet sie sich, ihre eigene Ambivalenz zu akzeptieren und in ihrem trotzenden Stil zur Schau zu stellen. Sie kombiniert Rock und Sportschuhe, das Alte mit dem Neuen, das Traditionelle mit dem Modernen und konstruiert sich somit eine Identität mit Elementen aus beiden Welten, in einer Melange, die ihre Persönlichkeit repräsentiert: 

Rüschen und Nike zusammen/Schau nach vorn, Blumen dazu/Was für einen Unterschied macht es/Wie deine Klassenkameraden dich sehen/Zum Teufel mit Verboten, ich bin voll cool/Goldene Ohrringe sind so Zigan-Style/So take a bow/Schnippst mit den Fingern/Dasselbe brandneue ich/Ihr wart meine Familie/Seid ihr noch da für mich?/Ich stehe zu mir, Gita/Ich verstecke mich nicht/Seht mich an/And take a bow. 

Zum Lied Falbany

In diesem wichtigen Schritt ihres Coming-of-Age Prozesses beginnt Gita einzusehen, dass sie nicht alles haben kann. Die bedingungslose Akzeptanz ihrer Familie und die des Freundeskreises hängen von ihrem Konformismus an bestimmten sozialen Rollen ab, die mit ihrem individuellen Selbstverständnis nicht kompatibel sind. Bis jetzt hatte sie die Angst davon abgehalten, zu sich zu stehen, sie hatte versucht, es beiden Seiten recht zu machen, indem sie sich gespalten und gelogen hat, aber mit der einsetzenden Maturität kommt die Einsicht, dass sich der innere Konflikt erst dann auflöst, wenn sie sich von der Angst löst. 

3. Schande

Von ihrer Familie, ihren Freund*innen und Tagar, dem Mann, den sie liebt und mit dem sie geschlafen hat, verraten, beschließt Gita, die ultimative Kontrolle über ihren Körper zu erzwingen und versucht, sich das Leben zu nehmen. Diese verzweifelte Tat bringt ihre Familie wieder zusammen und verbindet sie erneut mit ihren Freund*innen. Selbst die Tanten haben Mitleid und wollen sie aufmuntern. Gita erkennt jedoch, dass sie den Gedanken nicht aufgegeben haben, sie zu verheiraten. Als sie ihre Großmutter über die Heiligkeit weiblicher Haare sprechen hört, fasst sie den Entschluss, sich den Kopf zu rasieren.

Gekleidet in ihrem weißen Hochzeitskleid rasiert sie sich den Kopf und verzichtet auf ihr üppiges, dunkles Haar zur choralen Adaption des Aqua Lieds Barbie Girl. Dies ist ein Akt der Selbstermächtigung und Emanzipation, der zeigt, dass sie sich weigert, eine Puppe zu sein, die ihre Familie nach Belieben manipulieren und kleiden kann.

Als die Frauen sie mit rasiertem Kopf sehen, reagieren sie verzweifelt: „Denk daran, was die anderen Roma über uns sagen werden!“ Dass sie keine Jungfrau war, hatten nur ihre Eltern gewusst, doch ihr kahler Kopf ist eine sichtbare Veränderung, die die Roma-Frauen als Schande für die Familie betrachten. Sie erwarten von ihr immer noch, dass sie die Rolle des sozialen Objekts spielt und akzeptieren die Entfaltung ihrer Individualität nicht. 

Gita erklärt: „Das sind meine Haare. Und mein Leben.“

Als sich die Männer, die ihre Hochzeit planen, davon nicht abschrecken lassen, treibt sie ihre Rebellion noch weiter, indem sie ein trash-the-dress Musikvideo dreht und ihre Brüste entblößt, um sicherzustellen, dass es wirklich keinen Weg zurück gibt. Neun Monate nach der Ankunft in Polen sagt sie zu ihren Freund*innen: „Wenn ich das hochlade, bin ich so gut wie tot“, woraufhin eine erwidert: „Oder vielleicht wirst du neu geboren.“

Die Konflikte mit den Eltern, der Großfamilie und ihren Freund*innen, die Liebesgeschichte mit Tagar, die bewusste Entscheidung für ein erstes sexuelles Erlebnis sowie ihr Suizidversuch und Tagars Tod sind Etappen, die Gita in einem neunmonatigen Prozess der Wiedergeburt von Teenagerin zur Frau, von sozialem Objekt zum Individuum werden lassen. Wie die seltsame Barbie im Film von Greta Gerwig, kann sich Gita erst dann selbst konstruieren, nachdem sie aus der sozialen Ordnung ausgeschlossen wurde. Sie hat nichts mehr zu verlieren und kann sich somit endlich von der Angst lösen:

Angst ist nur ein Gedanke/Lass los, lass ihn davonfliegen (Tagar)
Mein Geist, mein Volk blutet heute/Als Etikett behandelt, leblos, verloren/Der Tisch ist nicht rund/Unsere Stimmen lautlos/Keine Liebe von den anderen?/Lasst uns unsere Liebe leben, selbstlos/Lieben wir uns, Tagar/Er machte diesen Beat/Ihr wolltet ihn auslöschen/Aber er wird hier weiterleben/Of hatred I’m sick/Böses Blut bringt mich zum Kotzen/Blood flows inside of me/Voller Schmutz und Vorwurf./Wer bin ich?/Ich bin der Weg, den ich gehe/Ich renne nicht/Mache alles mit Flow/Hey, hey, hey/Wir müssen hier raus/Nach vorne/Nichts ändert/Den Status quo/Fuck’em all!/Wie ein Phönix aus der Asche/Stehe ich jeden Morgen auf/Hope in my feathers/Doch mein Herz ist wie Blei/Jeden Morgen geboren/Ohne Erwartungen, unpersönlich/Keine Vorbehalte, keine Erwägungen/Keine Haare auf dem Kopf/Ich bin ein Nichts/Nichts ist Raum, Freiheit/Scheiß auf deine blöde Sklaverei/Schande wurde mir vertraut/Macht mich besonders, nicht verbittert/Macht weiter eure Deals/Hier kommt die wahre Gita!/Ich habe ein Mix aus Genen/X Probleme/Der Styx teilt die Welt/In eure hier und meine dort/Lieber muckst man nicht/Pass dich an/Justice is blind/Schaust du auch weg?/Wer bin ich?/Ich bin der Weg, den ich gehe/Ich renne nicht/Mache alles mit Flow/Hey, hey, hey/Wir müssen hier raus/Nach vorne/Nichts ändert/Den Status quo/Fuck’em all!

Zum Lied Infamia

Die Ereignisse in Polen haben Gita geholfen, die Angst zu überwinden, sich trotz Widerständen und Verlusten auf gemeinschaftlicher Ebene von den gesellschaftlichen Erwartungen zu lösen, die mit ihrer Individualität nicht kompatibel sind. Durch die Eroberung ihres eigenen Körpers hat sie die Transformation von einem sozialen Objekt zur weiblichen Individualität geschafft. Jetzt verabschiedet sie sich von den Eltern und kann alleine ins Unbekannte aufbrechen. Davor übergibt sie die Stafette der weiblichen Ermächtigung an ihre Schwester, indem sie dieser ihr Fahrrad überlässt, das Symbol der Mobilität und Autonomie.

In Gitas Fall bedeutet das Erwachsenwerden als Frau, sich von einem sozialen Objekt zu einem individuellen Selbst zu entwickeln. Es ist ein Prozess der Auseinandersetzung mit ihren unterschiedlichen, sich überschneidenden Identitäten sowie mit den Menschen, den Normen und Strukturen, die sie umgeben. Mithilfe einer nicht-stereotypen „Zigeuner-Figur“ in einer stereotypen „Zigeuner-Welt“, fragt sich die Gesellschaft, ob und wie Frauen sozialen Erwartungen entsprechen können, während sie gleichzeitig das eigene Sein formen.

Von dem Soziologen Pierre Bourdieu wissen wir, dass es nicht möglich ist, sich völlig außerhalb patriarchaler Normen zu definieren. Doch durch die Vielzahl konkurrierender Diskurse in der heutigen Zeit eröffnen sich Möglichkeiten, diese Normen anzupassen und für sich neu zu interpretieren.

Die Schlussfolgerung?

Es muss kein Entweder-Oder sein, so embrace the colors within.

Der Text entstand im Rahmen des Teilprojekts „Antiziganismuskritische Filmanalyse“, das Teil des Verbundprojekts „Mediale Antiziganismen – von der interdisziplinären Analyse zur kritischen Medienkompetenz“ (MeAviA) ist.

Über die Autorin

Dr. Andra Drăghiciu hat im Bereich Mitteleuropäische Studien promoviert und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Critical Film & Image Hub am Forschungszentrum Antiziganismus (Universität Heidelberg).

Zur Autorin