Blogpost von Dr. Birgit Hofmann Nachlese: Augen auf! - Kinotag 2026 in Heidelberg

Der Augen auf! - Kinotag am 27. und 28. Januar hat einmal mehr gezeigt, wie Filme Geschichte kritisch erlebbar machen können. Als Plus-Stadt bot Heidelberg, organisiert vom Critical Film & Image Hub an der Forschungsstelle Antiziganismus, in Kooperation mit dem Gloria-Kino und dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, ein dichtes Programm. Zu diesem gehörten auch Filmgespräche mit Expertinnen und Experten, die zum Dialog einluden. Schülerinnen und Schüler, Studierende und Filmfans nahmen die Gelegenheit wahr, über historische Verantwortung, Repräsentation und Filmästhetik ins Gespräch zu kommen, um zum Gedenktag an die Opfer des Holocaust zu erinnern. Im Vorfeld hatte der Critical Film & Image Hub Blog-Artikel zu zwei der gezeigten Filme publiziert. Die Rhein-Neckar Zeitung berichtete am 29. Januar 2026 über die Auftaktveranstaltung des Augen auf-Kinotags in Heidelberg.

Tag 1: Dienstag, 27. Januar – Der unerschütterliche Fritz Bauer, Delegationen nach Auschwitz und junge Perspektiven

Eröffnet wurde der Kinotag mit einem inzwischen klassischen Filmhighlight: „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (D, 2015, R: Lars Kraume) erzählt die Geschichte des kompromisslosen jüdischen Generalstaatsanwalts in Hessen, der für die Aufarbeitung von NS-Verbrechen kämpfte. Zentriert ist die Handlung des Spielfilms um den Versuch Bauers, den Organisator hinter dem Massenmord an den Juden Europas, Adolf Eichmann, zu fassen, der über die sogenannte „Rattenlinie“ nach Südamerika geflohen war.

Stefanie Jansen, Bürgermeisterin für das Dezernat Soziales, Bildung, Familie und Chancengleichheit der Stadt Heidelberg, betonte in ihrer Ansprache die Aktualität von Fritz Bauers Haltung. Dieser sei gegen Widerstände für Gerechtigkeit eingetreten, auch dort, wo es unbequem gewesen sei. Durfte er dabei auch Dienstwege umgehen? Im anschließenden Filmgespräch diskutierte das Publikum mit Dr. Sarah Lias Ceide (Historisches Seminar der Universität Heidelberg, Moderation: Dr. Birgit Hofmann) über Fragen wie diese, die der Film stellt. Dr. Ceide zeigte auf, wo der Film,  wenn auch oft nur in Nuancen,  von der historischen Realität abweicht, um das Kernanliegen der Narration zu unterstützen. Dabei bezog sich die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Zeitgeschichte auch auf einen ihrer eigenen Forschungsschwerpunkte, die Geschichte der Nachrichtendienste im Kalten Krieg – gerade hier bestanden NS-Kontinuitäten, wie der Film sie für die 1950er-Jahre dramatisch zeichnet, weiter.

Poster vor dem Gloria Kino

Fritz Bauer, so zeigte sich im Dialog mit Schülerinnen und Schülern, ringt gerade vor diesem Hintergrund einer kaum entnazifizierten Gesellschaft der Bundesrepublik der 1950er-Jahre als historische Figur auch heute noch dem Publikum Respekt ab. Seine Weitergabe von Informationen an den israelischen Geheimdienst stieß hier auf Zustimmung. Auch die dramaturgische Entscheidung des Films, Bauers – mutmaßliche – Homosexualität zu zentrieren, konnten die Anwesenden nachvollziehen. Schließlich zeige sich gerade daran, dass die Verfolgung mancher Gruppen auch nach dem Ende der NS-Herrschaft 1945, wenn auch in anderer Form, weitergegangen sei.

Am Abend rückte mit „Delegation“ (I/P/D, 2023, R: Asaf Saban) ein Coming-of-Age-Film der besonderen Art in den Mittelpunkt: Gezeigt wird die Gedenkfahrt einer israelischen Schülergruppe zu Gedenkstätten verschiedener Konzentrationslager in Polen, darunter Auschwitz-Birkenau und Majdanek. Die Jugendlichen erleben im Film Freundschaft, Konflikte und erste Liebesgefühle vor dem Hintergrund einer ritualisierten und nach wiederkehrenden Vorgaben ablaufenden Erinnerungskultur. In der Dreiecksgeschichte zwischen der künstlerisch interessierten Nitzan, dem schüchternen „Frischi“ und Ido, dem Mädchenschwarm, brechen eigene Befindlichkeiten immer mehr durch die Oberfläche der perfekt organisierten Reise.

Personen bei der Nachbesprechung in einem Kinosaal

Im anschließenden Filmgespräch, moderiert von Heidrun Helwig (Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma), diskutierten Dr. Louise Hecht (Hochschule für Jüdische Studien) und David Rosenberg (Landesverband Deutscher Sinti und Roma in Rheinland-Pfalz / Jüdischer Studierendenverband RLP) über die Folgen einer Ritualisierung des Gedenkens und die Möglichkeiten, dieses lebendig zu halten. Aus eigener Erfahrung konnte David Rosenberg bestätigen, dass die Fahrten „genau so“ wie im Film gezeigt ablaufen. Er berichtete auch von bewegenden Momenten seiner Reisen zur Gedenkstätte Auschwitz sowohl mit jüdischen Jugendgruppen als auch als Mitglied von Gedenkfahrten der Sinti und Roma. Louise Hecht betonte, dass der Film auch mit Humor und Feingefühl auf die Situation blickt, in der Jugendliche etwa lange Reflexionsgespräche im Stil von Selbsthilfegruppen führen müssen.

Dr. Radmila Mladenova vom Critical Film & Image Hub verwies auf das Motiv des gestohlenen Schuhs: Nitzan lässt diesen aus dem Konzentrationslager mitgehen, er gehörte einem der Ermordeten. Indem die junge Frau das Erinnerungsstück mit in ihre Gegenwart nimmt, stellt sie eine persönliche und emotionale Verbindung zum Gedenken an die Opfer her, die im Gegensatz steht zum formelhaften Ausdruck von Trauer und Erinnerung, wie sie die organisierte Gedenkfahrt ihren Teilnehmern vorgibt.

Tag 2: Mittwoch, 28. Januar – Abenteuer, Poesie, Erinnerung

Beim Premierenfilm „Das geheime Stockwerk“ (D/Ö/L, 2025, R: N. Lechner) reiste das jüngere Publikum gemeinsam mit der Hauptfigur, dem 12-jährigen Karli, aus der Gegenwart mit dem Fahrstuhl in die NS-Zeit, in das Jahr 1938. Bei seinen Streifzügen durch das plötzlich verwandelte Hotel trifft er auf das jüdische Mädchen Hannah und den Schuhputzerjungen Georg. Gemeinsam decken sie ein Geheimnis auf und helfen, einen Diebstahl aufzudecken. Die Kombination aus Spannung, historischer Sensibilität und kindgerechter Aufbereitung regte zu Nachfragen und Reflexionen an.

Marie Bammel, EVZ-Filmbotschafterin, leitete anschließend das Filmgespräch. Dabei hatte sie Fragen vorbereitet, welche die Schülerinnen und Schüler direkt einbezogen, etwa, wer im Saal schon einmal „einen Zeitreisefilm geguckt“ hat – hier konnte das Publikum durch Aufstehen ein Signal geben. Tatsächlich hatten sich viele Schülerinnen und Schüler gedanklich schon einmal damit auseinandergesetzt, was es heißen würde, wenn wir Zeitgrenzen überwinden könnten. Neben dem gemeinsamen Zusammentragen von filmischen Elementen, Verständnis- und Interpretationsfragen wollte Marie Bammel etwa wissen, was Schülerinnen und Schüler heute den Freunden aus der Vergangenheit erzählen würden. So wird im Film Karli gefragt, ob es noch heute Nazis an der Macht gibt. Die Schülerinnen und Schüler würden das zwar auch so unterstreichen, dass der Nationalsozialismus heute nicht mehr an der Macht ist, doch würden sie durchaus erzählen, dass es auch heute „noch Rechtsextremismus“ gibt. Nicht nur mit diesem Dialog schlug die Veranstaltung den Bogen von Film zur Realität, von Vergangenheit zur Gegenwart.

Die Möglichkeiten künstlerischer Kurzfilme – von der Dokumentation zur Animation

Im Parallelprogramm, das eine ältere Zielgruppe hatte, wurde zuerst Adrian Oesers etwa dreißigminütige Dokumentation „Wesley schwimmt“ (D, 2024) gezeigt. Der Film begleitet einen jungen Sinto auf der Suche nach der Geschichte seines Urgroßvaters, des Holocaust-Überlebenden Hugo Höllenreiner. Über den Film sprachen u. a. Studierende der Universität Heidelberg mit Sefora Rosenberg (RomaAnity, Moderation: Jonathan Mack-Sroka). Sie sahen darin das Potenzial, über die jugendliche Hauptfigur Identifikationsangebote für Schülerinnen und Schüler zu schaffen. Auf die Frage von Sefora Rosenberg, wer sich bereits intensiver mit der eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt habe, teilten einige der Anwesenden Biografisches, etwa als Nachkommen von Verfolgten.

Drei poetische Animationskurzfilme von Hamze Bytyçi und Lisa Smith (D, 2022) zeigten eindrucksvoll das Potenzial dieses Genres für neue Zugänge zur Vergangenheit. „Menschen können zweimal sterben“ erzählt von „preußischen Sinti“, den im Holocaust getöteten Brüdern Vinko und Schanno Franz, und ihrem Traum von einer eigenen Kapelle – und thematisiert die doppelte Auslöschung der Opfer: den physischen Mord ebenso wie das spätere Vergessen. Erzählt werden als Animation ferner Schicksale von Ermordeten wie das der „Familie Ujvari“ sowie die Flucht einer Frau, nachempfunden der Holocaust-Überlebenden Lydia Krylowa, vor Schergen und Mordtruppen in Russland, in „Listen“ – und das Schweigen und der Verrat der Nachbarn. Die Geschichten von Schmerz und Verlust, aber auch von Selbstbehauptung beeindruckten das Publikum.

Das anschließende Gespräch mit Sefora Rosenberg vertiefte die Perspektiven auf antiziganismuskritische Erinnerungsarbeit und die Bedeutung von Film als Medium der Erinnerung und der Weitergabe von Geschichte. Dabei stellte sie auch das neue Filmprojekt „Unbroken“ vor, bei dem sie mitwirkt – eine Chance, so war man sich einig, ein selbstbestimmtes und interaktives filmisches Gedenken zu schaffen, das in die Zukunft trägt.

Filmleinwand mit Diskutanden davor

Filme, die nachwirken

Der Augen auf-Kinotag in Heidelberg hat gezeigt, wie eindrücklich Film als Erinnerungsraum wirken kann. Auch im Anschluss lohnt sich der Blick auf unsere vertiefenden Blogbeiträge (siehe unten), die Hintergrundinformationen, Analysen und kritische Perspektiven zu den gezeigten Filmen liefern – und weitere von uns hier zur Verfügung gestellte Auseinandersetzungen mit dem Medium für antiziganismuskritische Perspektiven.

Über die Autorin

Dr. Birgit Hofmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „The Critical Film & Image Hub“ an der Forschungsstelle Antiziganismus des Historischen Seminars der Universität Heidelberg. In den Jahren 2024/2025 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museumsprojekt „Das vergessene Gedächtnis“ des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg, 2022-2023 Post-Doc-Stipendiatin der Point-Alpha-Stiftung der Universität Fulda und zwischen 2015 und 2022 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Universität Heidelberg. Hier koordinierte sie 2015-2017 den Arbeitsbereich Minderheitengeschichte und Bürgerrechte in Europa, war 2018-2022 Co-Leitung des Forschungsprojekts „Verfassungsfeinde im Land?“ zum Radikalenlerlass in Baden-Württemberg und wurde 2019-2022 für ihr Post-Doc-Projekt „Visionen der Vielfalt“ zur Minderheitengeschichte durch das Brigitte-Schlieben-Lange-Programm des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) Baden-Württemberg gefördert. Publikationen, u.a.:

Birgit Hofmann: Der „Prager Frühling“ und der Westen. Frankreich und die Bundesrepublik in der internationalen Krise um die Tschechoslowakei 1968, Göttingen 2015 (Dissertation an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg), ausgezeichnet mit dem Hans-Rosenberg-Gedächtnispreis 2016; Birgit Hofmann: Menschenrecht als Nachricht. Medien, Öffentlichkeit und Moral seit dem 19. Jahrhundert, Frankfurt/M 2020. 

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