Blogpost von Nele Feuring Johann „Rukeli“ Trollmann in Babylon Berlin: über das Zusammenspiel von Geschichte, Erinnerung und Fiktion

Babylon Berlin Filmplakat Staffel 4

Veröffentlicht am 29.07.2026.

Babylon Berlin ist die bislang teuerste deutsche Fernsehproduktion. Unter der Regie von Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten und produziert von X Filme Creative Pool feierte die Serie 2017 Premiere und ist seitdem international erfolgreich. Sie spielt im Berlin der späten Weimarer Republik und beleuchtet die sozialen, politischen und kulturellen Umbrüche der späten 1920er Jahre – einer Zeit, die heute sowohl als künstlerische Blütezeit als auch als Vorzeit der drohenden Katastrophe erinnert wird. 

Die Serie basiert lose auf der Buchreihe des Autors Volker Kutscher und wird oft für ihre historische Genauigkeit und Detailverliebtheit gelobt. Dennoch fungiert sie weniger als historisches Dokument denn als Medium der Reflexion, das die Krisen der Vergangenheit mit denen der Gegenwart verknüpft. Das Seriennarrativ lässt die Schatten des Nationalsozialismus stets im Hintergrund mitschwingen – nicht nur durch ihre explizite Darstellung, sondern auch, indem politische Gewalt und Antisemitismus vor allem als Vorboten aufzutauchen scheinen, deren Bedeutung sich durch das historische Bewusstsein des Publikums entfaltet. Hanno Hochmuth und Bettina Köhler zufolge wird Babylon Berlin künftig unser kollektives Verständnis der Geschichte der Weimarer Republik beeinflussen (siehe Hochmuth & Köhler 2021). Gerade deswegen (und nicht nur wegen ihrer Popularität) lohnt es sich zu untersuchen, wie der Sinto Johann Trollmann narrativ in die Serie eingewoben ist. In der Romanvorlage kommt er nicht vor. 

Innerhalb des sorgfältig konstruierten quasi-historischen Raums stellt Babylon Berlin eine Vielzahl von Figuren vor, deren Verhältnis zur Geschichte auf drei verschiedenen Ebenen spielt. Hochmuth und Köhler weisen darauf hin, dass viele der Protagonist*innen – wie die beiden Hauptfiguren Charlotte „Lotte“ Ritter und Gereon Rath – rein fiktiv sind und eher gesellschaftliche Typen und Spannungen der Epoche verkörpern als einzelne historische Persönlichkeiten. Lotte, die sich stark von der Figur „Charly“ in der Romanvorlage unterscheidet, stammt aus proletarischen Verhältnissen und verkörpert eine sehr liberale Interpretation der Neuen Frau der Weimarer Zeit. Sie ist ehrgeizig und legt großen Wert auf ihre Unabhängigkeit. Im Laufe der ersten Staffeln sichert sie sich eine Festanstellung bei der Polizei. Gereon Rath bekleidet eine leitende Position bei der Berliner Polizei und leidet nach dem Ersten Weltkrieg unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Im Laufe der ersten vier Staffeln entwickelt sich zwischen den beiden eine romantische Beziehung. 

Andere Figuren wiederum sind realen Personen nachempfunden, treten jedoch unter leicht abgewandelten Namen auf: Der Industrielle Thyssen wird zu Alfred Nyssen, General Hans von Seeckt erscheint als Generalmajor Seegers (siehe Hochmuth & Köhler 2021). Gelegentlich werden in der Serie auch historische Persönlichkeiten unter ihren echten Namen vorgestellt – darunter der Sinto-Boxer Johann „Rukeli“ Trollmann. Durch die Einbindung Trollmanns in die Handlung haben die Serienmacher die Möglichkeit, das Boxen – eine der beliebtesten Sportarten jener Zeit – zu thematisieren und dabei eine weniger bekannte Persönlichkeit zu präsentieren, im Gegensatz beispielsweise zum Boxer Max Schmeling. 

Die erinnerungskulturelle Bedeutung Trollmanns geht auf zwei Begebenheiten zurück. Zum einen ist sie insbesondere in seinem Kampf um den deutschen Boxtitel im Mittelgewicht am 9. Juni 1933 gegen Adolf Witt begründet. Dieser Titel war vakant, da er zuvor dem jüdischen Boxer Erich Seelig aberkannt worden war und dieser aus Deutschland geflohen war. 

Der Kampf, in dem Trollmann Witt nach Punkten übertraf, hätte ihm eigentlich den deutschen Meistertitel einbringen müssen, wurde von den Punktrichtern jedoch als Unentschieden gewertet. Aufgrund lauter Proteste aus dem Publikum wurde das Urteil – gegen den Willen des anwesenden NS-Funktionärs – aufgehoben. Trollmann wurde schließlich doch zum Sieger erklärt (siehe Brasch 2022: 63–82). Acht Tage später wurde ihm der Meistertitel wieder aberkannt (siehe Grote 2000: 189–191). Wie Yvonne Robel und Kerstin Herold hervorheben, steht das, was heute über Trollmanns Leben und Tod bekannt ist – und wofür er in Erinnerung geblieben ist – auf wackeligen Beinen (siehe Robel & Herold 2012: 147). Dies ist sicherlich weniger eine Frage des Gedenkens an den Völkermord an den europäischen Sinti* und Roma* als vielmehr ein grundlegendes Dilemma einer integrierten Geschichte und Geschichtsschreibung (Saul Friedländer), die sich nicht allein auf z. B. Täterdokumentation stützen will, aber nicht immer eine Vielzahl an Quellenbeständen zur Hand hat. Der Boxkampf gegen Gustav Eder am 21. Juli 1933 fand statt, nachdem Trollmann der Meistertitel aberkannt worden war. Heute prägt insbesondere dieser Kampf die Erinnerung an Johann Trollmann. Seit mehreren Jahrzehnten hat sich hierzu die folgende Erzählung etabliert: Trollmann puderte sich das Gesicht weiß und färbte sich die Haare blond, um einen ‚Arier‘ zu karikieren, stand dann regungslos im Ring, ließ sich schlagen und verlor den Kampf. Während keine historischen Fotografien dieses Ereignisses bekannt sind, hat sich diese äußerst bildhafte Erzählung vor allem durch audiovisuelle Medien verbreitet. Heute ist Trollmanns Vermächtnis ohne diese Geschichte – die Geschichte seines Widerstandes – nicht mehr vorstellbar. Sie hat dazu beigetragen, ihn zur bekanntesten historischen Persönlichkeit aus der Minderheit der deutschen Sinti* und Roma* zu machen und bietet ein hohes Identifikationspotenzial. 

Trollmanns Einführung in die Serie wird bereits früh narrativ vorbereitet: In Staffel 1, Folge 3 erfährt das Publikum, dass Lottes Mutter an Syphilis erkrankt ist. Im Jahr 1929, zur Zeit der ersten Staffel von Babylon Berlin, gibt es für sie keine Heilung. Die Diagnose gleicht einem Todesurteil. Lottes Mutter war ihrem Mann nur ein einziges Mal untreu gewesen – eine Affäre, für die sie mehr als zwanzig Jahre später mit ihrem Leben bezahlt. Den Namen dieses Mannes verrät sie ihrer Ärztin nicht und erklärt, dieser sei bereits verstorben. In Bildern offenbart uns die Folge jedoch, dass Lotte aus dieser Affäre hervorging. Obwohl Lotte ihre Familie stets über ihre eigenen Bedürfnisse stellt, hat sie sich immer wie eine Fremde in ihr gefühlt. Das Publikum erfährt früh, dass dieses Gefühl der Fremdheit begründet ist, sie selbst findet erst nach dem unvermeidlichen Tod ihrer Mutter mehr über ihre Herkunft heraus. Am Ende der dritten Staffel hört Lotte den Namen ihres Vaters – „Trollmann“ – zum ersten Mal und erfährt, dass sie einen Halbbruder namens „Rukeli“ hat. Die Tatsache, dass die Figur Trollmanns in Babylon Berlin mit sexueller Devianz und Krankheit in Verbindung gebracht wird, ist problematisch. Aufgrund ihrer sexuell übertragbaren Krankheit konnte Lottes Mutter nicht mehr in der Fabrik „Maden pulen“, wodurch der Lebensunterhalt der gesamten Familie wegbrach. Lotte springt ein und sorgt für den Unterhalt der Familie, nicht nur durch ihre Arbeit bei der Polizei, sondern auch, indem sie sich aus ökonomischer Not prostituiert. Gerade in der ‚Vermischung‘ zwischen den antiziganistisch markierten Menschen und der Mehrheitsbevölkerung sah die pseudowissenschaftliche Rassenhygiene eine Bedrohung. Hier wurde ein enger Zusammenhang zwischen sexuellem Verhalten und ‚rassischer Degeneration‘ hergestellt. 

Am Ende der vierten Staffel, die im Jahr 1931 spielt, stößt Lotte zufällig auf ein Plakat, das für einen Boxkampf in Berlin wirbt, an dem ihr Bruder teilnehmen wird. Sie ruft ihn an, und sie treffen sich in einer Bar, um sich zu unterhalten. Der Schauspieler Hannes Wegener übernimmt die Rolle Trollmanns, er hatte ihn bereits zehn Jahre zuvor in den nachgestellten Szenen des Dokumentarfilms Gibsy – Die Geschichte des Boxers Johann Rukeli Trollmann (2012) verkörpert. Durch den erneuten Einsatz des Schauspielers knüpfen die Serienmacher von Babylon Berlin bewusst an die umfassendere Genealogie von Trollmanns filmischer Darstellung an. Die hier erzeugte Authentizität ist nicht historischer Natur, sondern beruht auf der Wiedererkennung des Schauspielers und seiner früheren Rolle durch die Zuschauer*innen. 

Anders als sich historisch nachweisen lässt, wird Trollmann in Babylon Berlin als unbekannter Außenseiter präsentiert und gilt nicht als Anwärter auf den Sieg. Die Serienmacher verzichten damit auf die Gelegenheit, ein Mitglied der Minderheit als Teil der damaligen deutschen Öffentlichkeit zu zeigen. Lotte und Gereon besuchen den angekündigten Kampf und treffen hier auf zwei Freunde. Bevor der Kampf beginnt, verraten sie einander, dass sie alle auf „den Zigeuner aus Hannover“ gewettet haben [00:27:26]. Während des Kampfes befinden sich etwa 70 SA-Männer im Publikum, die „Zigeuner raus aus unserem Land“ skandieren [00:32:59]. Lotte ist schockiert und besorgt über die Aggression der Rechtsextremisten, die sich gegen ihren Halbbruder richtet. In der Sequenz des Boxkampfes vermischen die Serienmacher verschiedene historische Ereignisse und datieren sie vor. Zunächst sehen wir einen Kampf in Berlin, den Trollmann gewinnt, während die Punktrichter unter dem Druck der SA zögern, ihm den Sieg zuzusprechen. Als der Kampf wieder aufgenommen wird und die SA-Männer ihn lautstark beschimpfen, pudert Trollmann Körper und Gesicht weiß. Der Schauspieler Hannes Wegener schlüpft nicht nur erneut in die Rolle Trollmanns, sondern stellt auch jene ikonische Szene nach, die im Dokumentarfilm von 2012 bereits eine zentrale Rolle spielt. Nachdem er seinen Gegner ein zweites Mal besiegt, wird ihm endlich der Sieg zugesprochen. Man könnte argumentieren, dass die Serienmacher die Wirkung von Trollmanns vermutlichem Akt des Widerstands und der Zivilcourage untergraben, indem sie dieses Ereignis vor den Beginn des Nationalsozialismus verlegen. Allerdings kann Trollmann nur durch diese Vordatierung überhaupt in das Seriennarrativ von Babylon Berlin eingeschrieben werden. 

Es ist ambivalent, wie die historische Person Johann Trollmann in das fiktive Seriennarrativ eingewoben wird – insbesondere durch die Verbindung zur sexuellen Devianz, die verheerende Folgen für Lottes Mutter und ihre gesamte Familie hat. Die Serienmacher haben die Chance verpasst, eine Person aus der Minderheit als gefeierte und beliebte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens zu zeigen und den Sinto und Boxer als die feste Größe der Weimarer Boxszene zu präsentieren, die er war. Nichtsdestotrotz begegnet das Publikum Trollmann in erster Linie aus der Perspektive Lottes. Sie ist stolz darauf, ihn ihren Bruder nennen zu dürfen, und begegnet ihm mit Offenheit, Neugier und aufrichtiger Zuwendung. 

Die fünfte Staffel von Babylon Berlin, deren Ausstrahlung in der ARD bereits für September 2026 angekündigt wurde, wird die letzte sein und kurz vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten enden. Es bleibt daher spannend zu sehen, wie sich die Beziehung zwischen Lotte und ihrem Halbbruder entwickeln wird und welche Implikationen sich für eine mögliche rassenhygienische Verfolgung Lottes ergeben werden. 

Über die Autorin

Nele Feuring, M. A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa-Universität Flensburg, wo sie im Rahmen der DFG-Forschungsgruppe „Antiziganismus und Ambivalenz in Europa (1850–1950)“ über die Funktion von antiziganistischen Motiven im Film promoviert.

Literatur und Quellen

Quelle 

Babylon Berlin. R: Tom Tykwer, Hendrik Handloegten, Achim von Borries. ARD/Sky, 2017–. 

Literatur 

Anna S. Brasch, ‘Erzählen – Erinnern – Erzählen. Zur sukzessiven Fiktionalisierung der Lebensgeschichte des Sinto-Boxers Johann ‚Rukeli‘ Trollmann’, Germanica, No. 70, 2022, S. 63–82. 

Claus Grote, ‘Johann Wilhelm Trollmann, gen. Rukelie, gen. Gibsy. Eine Außenseiterbiographie im deutschen Boxsport’. Aus Biographien Sportgeschichte lernen. Festschrift zum 90. Geburtstag von Prof. Dr. Wilhelm Henze, 2000, S. 177–199. 

Kathrin Herold, Yvonne Robel, ‘Zwischen Boxring und Stolperstein – Johann Trollmann in der gegenwärtigen Erinnerung’. Verfolgung der Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus, Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Bd. 14. 2012, S. 144–155. 

Hanno Hochmuth, Bettina Köhler, ‘Oberflächengenauigkeiten: Zum Geschichtsbild von Babylon Berlin’. zeitgeschichte|online. 16 Dez. 2021. Aufgerufen am 14 Juli 2026.