Blogpost von Dr. Andra-Octavia Drăghiciu „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“. Warum der Dokumentarfilm „Acasă, My Home“ seine Chance verpasst hat
Veröffentlicht am 15.09.2025.
Zunächst möchte ich betonen, dass dieser Artikel in guter Absicht geschrieben wurde. Er ist ein ehrlicher Versuch, eine alternative Perspektive zu den zahlreichen Lobeshymnen auf diesen Film zu bieten und einige Vorschläge zu machen, wie der Dokumentarfilm aus meiner Sicht von einem anderen Ansatz profitiert hätte.
Es geht in erster Linie um die Ästhetik eines Films, der, unabhängig von den Absichten seiner Macher*innen, in der Öffentlichkeit steht und Diskurse ausgelöst bzw. reproduziert hat. Wenn ich ehrlich bin, was dir sicherlich auffallen wird, geht es mir jedoch auch darum, eine gewisse Frustration über den Film und seine Rezeption zum Ausdruck zu bringen. Die Hauptprobleme in dieser Hinsicht sind das mangelnde Bewusstsein und die fehlende Transparenz hinsichtlich der spezifischen Positionalität der Filmschaffenden sowie der Art und Weise, wie diese unausgewogene Machtverteilung zur Entstehung des Endprodukts beigetragen hat.
Bevor ich jedoch weiter aushole, möchte ich mich selbst positionieren und die Perspektive erläutern, aus der dieser Artikel geschrieben ist. Ich bin eine weiße Frau aus der Mittelschicht, die in einem akademischen Haushalt in einer kleinen siebenbürgischen Stadt aufgewachsen ist. Ich habe immer die Privilegien genossen, die mit diesem Hintergrund einhergehen, wobei für das vorliegende Thema vor allem meine akademische Ausbildung und wissenschaftliche Karriere relevant sind, die mich dazu gebracht haben, diesen Text unter dem Einfluss von Kulturwissenschaften, Filmwissenschaften, Antiziganismus-Studien und Critical Whiteness Studies zu verfassen. Ich gehöre keiner marginalisierten Gruppe an, weswegen meine Kenntnisse, Gedanken, Ideen und Emotionen zum Thema Rassismus/Antiziganismus auf akademischen Forschungen anderer (meist weißer) Wissenschaftler*innen sowie auf Gesprächen mit rassifizierten Menschen und der Arbeit mit Aktivist*innen aus verschiedenen Communities basieren.
Aus dieser besonderen Perspektive habe ich zwei Hauptgründe identifiziert, warum der Film Acasă, My Home (Regie: Radu Ciorniciuc, Rumänien, 2020) seine Chance verpasst hat, die Geschichte einer verletzlichen Familie auf respektvolle Weise zu erzählen: 1) Unwissenheit in Bezug auf die Darstellung von Rassismus und Antiziganismus im Film und 2) mangelnde Selbstreflexivität hinsichtlich der sozialen Verortung der Filmschaffenden.
Im Sinne eines konstruktiven Feedbacks werde ich kurz auf beide Probleme eingehen und einige Vorschläge unterbreiten, wie dies m.E. hätte vermieden werden können bzw. in Zukunft vermieden werden kann.
1. Unwissenheit über (filmischen) Antiziganismus
Acasă erzählt die Geschichte der Familie Enache, die das „moderne“ Leben hinter sich gelassen hat, um auf einer verlassenen Grünfläche am Rande von Bukarest zu leben, und nun umziehen muss, damit dieses Gebiet zu einem Naturschutzgebiet erklärt werden kann. Der Film beginnt mit dem (beinahe entmenschlichenden) Bild eines jungen Mannes, der einen Fisch im Mund hält, umgeben von der idyllischen grünen Landschaft eines Sees im sanften Licht einer scheinbar aufgehenden Sonne vor dem Hintergrund von Wolkenkratzern. Mit diesen ersten Frames schafft die von den Filmschaffenden gewählte Ästhetik einen Kontrast: den zwischen der „Zivilisation“ (aus der die Filmschaffenden, Politiker*innen, Sozialarbeiter*innen – kurz gesagt: die Weißen – stammen) und einem „natürlichen Zustand des Seins“, historisch mit Gruppen assoziiert, die als nicht-weiß wahrgenommen werden.
Dunkelhäutige, halbnackte Kinder spielen in einem Boot und im Gras. Ein kleiner Junge holt Wasser in einem Behälter, der halb so groß ist wie er selbst, während sie zu ihrer heruntergekommenen Unterkunft zurückkehren, die von Müll umgeben ist. Die Kamera fokussiert dann einen Mann mittleren Alters, der im Schatten liegt und raucht. Als nächstes wird eine Frau gezeigt, die in Begleitung zweier kleiner Kinder in schmutzigen, abgetragenen Kleidern Wäsche wäscht. Wie der Regisseur in der Fragerunde beim Ro-Mania Film Festival 2025 in Berlin erklärte, sehen wir eine „exotische“ Familie, die einen „Robinson Crusoe“-Lebenstil führt.
Jemand, der unvorbereitet ins Kino kommt, könnte durchaus denken, er sehe eine exotisierende Discovery-Channel-Dokumentation des Amazonasgebiets, in der die Landschaften wunderschön präsentiert werden, während die Menschen, die dort leben, zu faszinierende Kuriositäten geraten. Zuschauer*innen die den osteuropäischen Bezug des Films kennen, werden diese Familie jedoch sofort als Roma lesen.
Warum? Weil in der Geschichte der Kunst, der Medien und des Films diese gesamte ethnische Minderheit, ungeachtet der Individualität ihrer sehr heterogenen Mitglieder, auf die Figur des „Zigeuners“ reduziert wurde, die historisch mit genau den Klischees assoziiert wird, die wir im Film sehen: Nähe zur Natur, Analphabetismus, „Leben außerhalb der Zivilisation“, Armut, große Familien usw., und als Sündenbock für die Frustrationen, Ambivalenzen, Sehnsüchte und Ängste der Mehrheitsgesellschaft dient.
Wie Radmila Mladenova betont, sind antiziganistische Klischees allgegenwärtig. Wir hören davon, während wir aufwachsen (vor allem in Rumänien), wir sehen sie in Gemälden und lesen darüber in der kanonisierten Literatur, wir hören sie in den bekanntesten Liedern. Sie sind Teil unserer kulturellen und nationalen DNA. Aufgrund des systemischen Antiziganismus leben viele Angehörige dieser Minderheit in Rumänien zudem mit hoher Wahrscheinlichkeit unter den im Film gezeigten Bedingungen. Selbst wenn die Protagonist*innen des Films nicht der ethnischen Gruppe der Roma angehören würden, würden die meisten Zuschauer*innen sie aufgrund dessen, was sie mit Roma-Gemeinschaften assoziieren, als solche wahrnehmen.
In den meisten Interviews und Stellungnahmen der Filmschaffenden betonen diese jedoch, dass es sich um eine menschliche Geschichte handelt, um die Geschichte einer Familie, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen hat wie alle anderen auch. Ihre Zugehörigkeit zur Roma-Gemeinschaft spiele für den Film keine Rolle. Um eine Zuschauerin während der hitzigen Fragerunde nach der Vorführung in Berlin zu zitieren: „Darum geht es in dem Film nicht!“
So rosig das auch klingen mag, es ist höchst utopisch und kontraproduktiv, da die Beziehung zwischen Weißen und Nicht-Weißen, in diesem Fall zwischen den Filmschaffenden und den Protagonist*innen, von einem Machtungleichgewicht geprägt ist. Und vergessen wir nicht: Mit großer Macht kommt große Verantwortung.
Ich stelle zwar keineswegs die guten Absichten hinter dem Film in Frage, aber es sollte kein Geheimnis sein (vor allem für moderne Filmschaffende, die vielleicht schon den einen oder anderen Kusturica-Film gesehen haben), dass dieses Medium seit den Anfängen des Kinos maßgeblich zur Normalisierung von Rassismus und Antiziganismus beigetragen hat (Mladenova). Darüber hinaus erwarte ich von den Filmschaffenden, die stolz darauf sind, in ihrer journalistischen Laufbahn mit schutzbedürftigen Gruppen gearbeitet zu haben, dass sie die Macht, die sie durch die Darstellung rassistisch diskriminierter Menschen ausüben, anerkennen, reflektieren und mit dem Publikum teilen.
Denn der rassistische/antiziganistische Blick ist kein individueller, sondern ein kollektiver (Mladenova); er liegt nicht im Auge des einzelnen Betrachtenden, sondern ist kulturell allgegenwärtig und beeinflusst jegliche mediale Produktion. Wir sind in einem System sozialisiert, das einer Gruppe ungerechtfertigte Vorteile auf Kosten anderer verschafft. Dies geschieht unbewusst und wir nehmen es als normal wahr, genau wie
ein Fisch das Wasser nicht sieht, in dem er schwimmt.
Layla Saad
Unter dem Strich handelt der Film nolens volens von einer Roma-Familie, von Angehörigen einer rassifizierten Minderheit, von den konstruierten „Anderen“, denen die europäische nationale und bürgerliche/mittelständische Identität seit Jahrhunderten gegenübergestellt wird. Und der Film tut nichts, um diesem Diskurs der Andersartigkeit entgegenzuwirken, ganz im Gegenteil. Filmschaffende, internationale Jurys und Publikum scheinen gleichermaßen davon überzeugt zu sein, dass es lobenswert ist, Farbenblindheit vorzutäuschen (die Annahme, dass man Menschen sieht, nicht Hautfarbe/Rasse/Ethnizität), obwohl dies in Wirklichkeit gefährlich ist. Es impliziert, dass das sehr reale soziale Konstrukt von Rasse/Ethnizität irrelevant ist. Leider prägt es immer noch alles in der Gesellschaft, in der wir leben, und es beeinflusst das Leben aller: positiv für die Filmschaffenden und die meisten Zuschauer*innen, negativ für die Mitglieder der rassifizierten Minderheit, zu der diese Familie gehört. Wie Layla Saad es in einem Selbstreflexions-Arbeitsbuch formuliert, das ich ... nun ja ... jedem empfehlen würde:
Wenn man sich weigert, die Hautfarbe [oder die ethnische Zugehörigkeit, AD] zu sehen, weigert man sich, sich selbst als Person mit weißen Privilegien zu sehen.
Layla Saad
Das Ergebnis der Unkenntnis über kinematografischen Antiziganismus ist eine Reihe von Szenen, die die Familie in der typischsten Form antiziganistischer Ästhetik darstellen: Ein fauler Patriarch beschließt aus unklaren Gründen, seine neun Kinder in der Wildnis großzuziehen. Er trinkt, arbeitet nicht und lehnt Bildung ab. Die Kinder sind schmutzig, von Müll umgeben; die ganze Familie lebt zusammen mit verschiedenen Tieren in einer schäbigen, unhygienischen Hütte. Als sie gezwungen sind, in die Stadt zu ziehen, werden sie als romantisch verklärte Wilde dargestellt, die sich nicht an das Stadtleben anpassen können, mit Technologie überfordert sind und keinen Haushalt führen können. Anstatt eine empathische Verbindung zum Publikum herzustellen, ist das Hauptgefühl, das den Zuschauer*innen Tränen in die Augen treibt, Mitleid.


Wie hätte die Situation dieser Familie aber respektvoller und ohne antiziganistische Motive dargestellt werden können? Wie kann man die Armut, in der viele Roma leben müssen, thematisieren, ohne Stereotypen zu reproduzieren?
Auch wenn Bilder natürlich entscheidend für den Erfolg eines Films sind, haben einige Dokumentarfilme Sensationslust zugunsten von Respekt aufgegeben und dieses Problem gelöst, indem sie die Kamera auf die Protagonist*innen richteten und nicht auf die Armut, die sie umgibt. In dem bulgarischen Kurzfilm Bedroom No. 5 (Regie: Ivan Kulekov, 2015) oder in Alina Șerbans Dokumentarfilmen I am Vanessa (2022) und I am Nicu (2022) werden die Protagonist*innen beispielsweise ermutigt, über ihre Situation zu sprechen, ihre eigene Geschichte zu erzählen und die Armut und das Elend, das sie erdulden mussten, mit ihren eigenen Worten zu beschreiben. Auf diese Weise bewahrten die Filmschaffenden die Würde ihrer Protagonist*innen und vermieden es, das Publikum in eine voyeuristische Rolle zu drängen. Eine weitere Technik, die die Schaffenden des Spielfilms „Housekeeping for Beginners“ (Goran Stolevski, 2023) bei den Dreharbeiten in Shutka anwendeten, besteht darin, die verarmte Umgebung unscharf werden zu lassen und die Kamera auf die Menschen im Bild zu fokussieren.
Housekeeping for Beginners ist zwar keineswegs ein perfekter Film aber man muss nur die Plakate der beiden Filme vergleichen, um zu verstehen, was jeder von ihnen verkauft. Meine Gedanken zu diesem Film findest du hier:
Acasă hingegen beharrt auf dieser Bildsprache der Armut und der Entfremdung von der Moderne und „Zivilisation“, obwohl Interviews mit den Filmschaffenden zeigen, dass es zahlreiche andere Umgebungen gab, in denen die Kinder gefilmt wurden. Beispielsweise während eines Projekts, bei dem sie Kameras erhielten und eine Ausstellung organisierten. Wahrscheinlich hätten wir in diesen Bildern gesehen, wie sie diese Geräte selbstständig benutzen und sich in die städtische Landschaft einfügen, anstatt die Waschmaschine zu bestaunen oder verwirrt und überfordert in einem Bus zu sitzen. Ganz normal, nicht sensationell oder als „exotische“ Andere dargestellt. Die Verwendung solcher Bilder hätte die Handlungsfähigkeit und Komplexität der Charaktere verdeutlicht und zu einer ausgewogeneren Darstellung beigetragen.
Darüber hinaus hätte der Film davon profitiert, wenn die Protagonist*innen individuelle Hintergrundgeschichten erhalten hätten. Abgesehen von den gelegentlichen Ausbrüchen des Vaters, der seinem guten Job nachweint, den er jedoch aufgegeben hat (warum?!), erhält das Publikum keine klare Erklärung für die besondere Situation, in der sich die Familie befindet. Auch hier erfahren wir nur durch Interviews mit den Filmschaffenden etwas über die Vergangenheit des Vaters. Eine vollständige Darstellung seiner Hintergrundgeschichte hätte eine plausible Erklärung dafür geliefert, warum er seinen Kindern so vehement eine institutionalisierte Bildung verweigert und warum er für seine Familie ein Leben in Armut gewählt hat. Dies hätte auch dem antiziganistischen Diskurs entgegengewirkt, der Vertreter*innen der Roma-Gemeinschaft als von Natur aus unvereinbar mit Arbeit und Modernität darstellt.
Und was ist mit der Mutter, fragen Sie? Was ist ihre Geschichte? Gute Frage! Ich könnte Ihnen dies nicht spoilern, selbst wenn ich es versuchen würde...
2. Mangelnde Selbstreflexivität
Während der gesamten 80 Minuten hatte ich das unangenehme Gefühl, dass ich nicht einen Dokumentarfilm sah, sondern durch eine versteckte Kamera, von deren Existenz die Familie nichts wusste, in ihr Leben spähte. Es gibt keine Transparenz in der Beziehung zum Publikum, keinen Hinweis darauf, dass wir keine unbearbeitete „Realität“ sehen, sondern ein Produkt, das durch die Perspektive, die Ziele und die Absichten der Filmschaffenden gefiltert wurde. Und ich wage zu behaupten, dass genau das beabsichtigt war: etwas scheinbar Rohes und „Authentisches“ (eine komplizierte Geschichte, die an anderer Stelle erzählt werden muss). Es gibt kein Durchbrechen der vierten Wand (direktes Ansprechen des Publikums, um die Illusion/Immersion zu durchbrechen), keine Reflexion über das Machtgefälle und die Tatsache, dass hinter der Kamera Menschen mit einer bestimmten Positionalität und spezifischen Interessen stehen.
Eine Möglichkeit, dies zu lösen, wäre, in der Ästhetik des Films Hinweise einzubauen, die das Publikum darauf hinweisen, dass das, was es sieht, keineswegs ein Stück ungefilterter „Realität“ ist, sondern ein Produkt des Filmemachens; dass jede Minute des über 100 Stunden langen Materials sorgfältig geschnitten wurde, um die Erzählung der Filmschaffenden zu unterstützen, nicht die der Familie. „Der Cutter des Films, Andrei Gorgan, hat vier Jahre Filmmaterial gesichtet, um die einprägsamsten Momente der Reise der Familie zusammenzufügen, die es in den endgültigen Schnitt geschafft haben.”[1]
Zumindest soweit die Zuschauer*innen wissen. Denn es gibt im gesamten Film keinen Hinweis darauf, dass die gezeigten Bilder von den Beteiligten genehmigt wurden, dass sie an der Entscheidung, wie sie dargestellt werden, beteiligt waren.
Und das führt uns zu Möglichkeiten, wie die Selbstreflexivität der Filmschaffenden den Zuschauer*innen hätte vermittelt werden können. Indem der Filmemacher spricht oder sein Gesicht zeigt, sodass das Publikum seine Anwesenheit wahrnimmt, indem die Protagonist*innen direkt in die Kamera sprechen oder zumindest gezeigt werden, wie sie Sequenzen ansehen und genehmigen – Techniken, die in Dokumentarfilmen wie And-Ek Ghes… (Philip Scheffner, 2016), I am Vanessa and I am Nicu (Alina Șerban, 2022) oder Wesley schwimmt (Adrian Oeser, 2024) eingesetzt wurden.
In Scheffners Film beispielsweise ist die Präsenz des Filmemachers spürbar, wodurch dem Publikum klar wird, dass „der filmische Held zwangsläufig eine Schöpfung nach seinem eigenen Bild ist; dass das dokumentarische Porträt von Coloradu Velcu buchstäblich und unvermeidlich ein Spiegelbild der Persönlichkeit des Künstlers ist“ (Mladenova).
Interessanterweise räumt Radu Ciorniciuc, der Regisseur von Acasă, in Interviews ein, dass seine Darstellung der Protagonist*innen seine eigene Innenwelt widerspiegelt, insbesondere was den Vater betrifft, den er nach eigenen Angaben nicht mochte. Darüber hinaus sprechen der Cutter und der Regisseur in einem Interview für das rumänische Staatsfernsehen darüber, dass die Konfliktszene zwischen dem Vater und seinem ältesten Sohn im Wesentlichen inszeniert war.
Anscheinend hatten sich sowohl der Sohn als auch der Vater einzeln an Ciorniciuc gewandt und sich gegenseitig beschwert. Als der Cutter und Redakteur Andrei Gorgan von diesem Konflikt erfuhr, schlug er vor, dass dies ein gutes Thema für die Kamera wäre („E un subiect foarte bun, cum putem face…?“ – „Das ist ein sehr gutes Thema, wie können wir das vor die Kamera bringen?“ – meine Übersetzung und Ergänzung, AD). Zu diesem Zweck ging Ciorniciuc unter dem Vorwand, dass es keine Kommunikation zwischen Vater und Sohn gebe und dass diese Gespräche „ohnehin stattfinden würden“ („Ceea ce oricum s-ar fi întâmplat. Adică era un lucru previzibil“, Gorgan), in die Rolle des Vermittlers, zum Haus des Vaters, als er wusste, dass der Sohn zu Besuch kommen würde, stellte eine Kamera auf einen Stuhl und drängte die beiden, miteinander zu sprechen. Mit den Worten von Andrei Gorgan: „A fost puțin mai controlat tot procesul ăsta... filmare, montaj“ (Dieser Prozess des Filmens und Schneidens war etwas kontrollierter.)
Auch wenn solche Vorgehensweisen für Dokumentarfilme nicht ungewöhnlich sind, hätte der Film diese Ehrlichkeit gut gebrauchen können. Nur sehr wenige Zuschauer*innen werden sich die Interviews ansehen, um den Entstehungsprozess des Dokumentarfilms wirklich zu verstehen und zu erkennen, dass das, was sie sehen, tatsächlich die Interpretation der Filmschaffenden ist, geprägt von ihrer Positionalität, ihren Absichten und ihrer Erfahrung, kurz gesagt, ihrer Realität und nicht der von jemand anderem, denn
Was man einbezieht und was man weglässt, sagt oft viel über die eigenen Werte aus oder darüber, was man glaubt, was die Gesellschaft leicht verstehen kann.
Dipo Faloyin
Apropos „was die Gesellschaft leicht verstehen kann“: Ich halte es für sinnvoll, die Variable Öffentlichkeit mit einzubeziehen und darüber nachzudenken, warum dieser Film so erfolgreich war und weiterhin ist.
Ähnlich wie viele internationale antiziganistische Reportagen über Osteuropa macht der Film Armut zum Spektakel, wodurch sich die Zuschauer*innen (unbewusst) besser fühlen, da ihre Probleme im Vergleich zu dem, was sie auf der Leinwand sehen, verblassen. Dies ruft eine Mischung aus Beruhigung und Mitleid hervor. Aber warum Mitleid und nicht Empathie? Weil das, was ihnen präsentiert wird, diese Überschneidung von Marginalisierung aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit und Klasse, weit entfernt ist von dem, was sie selbst in ihrem Alltag erleben, und sie sich daher nicht damit identifizieren können.
Ich frage mich auch, ob die Menschen, die so viel Liebe und Freude in diesem Film sehen, damit einverstanden wären, wenn ihre eigenen Väter in ihren schlimmsten Momenten, betrunken, elend oder krank und in einem Krankenhausbett liegend, so gezeigt würden wie Gică. Die Darstellung dieser Figur zeugt eindeutig von wenig Respekt vor der Menschenwürde.
Während der Fragerunde in Berlin wurde als Argument für den Film angeführt, dass es sich „nur” um ein Kunstwerk handele. Nun, Kunst, insbesondere wenn sie international anerkannt ist, von renommierten Institutionen unterstützt wird und eine offene Bühne erhält, ist ein bedeutender Schöpfer und Bewahrer von Diskursen. Es ist jedoch wenig überraschend, dass wir es nicht als problematisch erkennen, wenn dieser Diskurs die bestehenden rassistischen Strukturen bedient, die tief in unserem Wesen verwurzelt sind (erinnern Sie sich an das Beispiel mit dem Fisch und dem Wasser?).
Wenn wir ehrlich sind, ist es wahrscheinlich, dass dir diese Produktion, wenn du die Zeit, das Geld und die Energie aufbringen, um einen Film anzuschauen, bewusst macht, dass dein Leben gar nicht so schlecht ist oder dass es viel, viel schlimmer sein könnte. Der „White Saviourism“ (der Impuls, marginalisierte Menschen aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus zu retten), der offenbar die Motivation der Filmschaffenden während des gesamten Projekts (Buch, Stiftung, Film) war, wird aktiviert und veranlasst vielleicht sogar einige Zuschauer*innen, an die Stiftung zu spenden, die der Familie hilft. Die Frage ist jedoch, wie dieser Film zum Gesamtbild von Roma in Rumänien beiträgt und ob er mehr bewirkt als nur für diese eine Familie (und natürlich für den Erfolg der Filmschaffenden). Aber klar, wenn man nicht einer marginalisierten Minderheit angehört, die seit Beginn des Kinos in rassistischer Weise dargestellt wird, kann man es sich wohl leisten, den Film „nur” als Kunstwerk zu betrachten.


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich hierbei ganz klar nicht um eine Produktion handelt, die wir als Critical Film & Image Hub, der sich mit Antiziganismus beschäftigt, befürworten oder empfehlen können. Ganz im Gegenteil. Die Darstellung der Protagonist*innen ist erniedrigend und würdelos und trägt zur Verbreitung antiziganistischer Stereotypen bei. Das Projekt mag einer Familie geholfen haben – was übrigens großartig ist –, ABER im größeren Rahmen verstärkt es die Vorstellung, dass diese Familie und viele andere von Natur aus unfähig sind, sich selbst zu helfen, dass es in Ordnung ist, sie als radikale „Andere” darzustellen, sie in eine Art vorzivilisatorische Fantasiewelt zu stecken, nur um die eigenen Frustrationen mit der Moderne auszuleben (wie aus den Interviews mit den Filmschaffenden hervorgeht) und die eigenen Sehnsüchte auf sie zu projizieren: „E un film despre libertate și despre starea naturală a omului – viața lor e o istorie a civilizației” (Der Film handelt von Freiheit und vom natürlichen Zustand des Menschen – ihr Leben ist eine Geschichte der Zivilisation, Andrei Gorgan).
Unter dem Motto „Diese Geschichte ist nicht politisch, sondern menschlich“ und „Diese Geschichte handelt von Menschen wie uns in einer Ausnahmesituation“ („Povestea e despre niște oameni ca noi care se află într-o situație excepțională“, Gorgan) fördert der Film unter dem Deckmantel aufrichtiger Nächstenliebe das White-Savior-Syndrom. Er stellt Sensationslust über Respekt und gibt nicht nur den Filmschaffenden, sondern auch internationalen Jurys und Zuschauer*innen, die sich nie in dieser „außergewöhnlichen Situation“ befunden haben und auch nie befinden werden, die Möglichkeit, sich gut zu fühlen.
Okay ... Ich gebe zu, das war jetzt vielleicht etwas zu persönlich. Ich versuche mich wieder zu fassen. (Sehen Sie, wie einfach es ist, die vierte Wand zu durchbrechen?)
Zur Verteidigung der Filmschaffenden muss man sagen, dass dieser Dokumentarfilm vor einiger Zeit, im Jahr 2020, gedreht wurde, als das Bewusstsein für strukturellen Rassismus, insbesondere in Rumänien, noch nicht wirklich vorhanden war. Nach den jüngsten Interviews und Gesprächen zu urteilen, scheint sich jedoch nicht viel geändert zu haben, da die Filmschaffenden zu 100 % unreflektiert hinter dem Film stehen (kein Wunder, wenn man bedenkt, wie viel Arbeit und Mühe sie in ihn gesteckt haben und welche Auszeichnungen und Anerkennung er erhalten hat). Ich hoffe jedoch, dass kritische Stimmen gehört und anerkannt werden und dass bei zukünftigen Produktionen, an denen Mitglieder einer schutzbedürftigen Gruppe beteiligt sind, Selbstorganisationen und Expert*innen konsultiert werden und vielleicht sogar das eine oder andere von Roma-Filmschaffenden gelernt wird, denn
Der Wunsch, Gutes zu tun – wie altruistisch er auch sein mag – sollte niemals das ‚Warum’ zum Feind des ‚Wie’ machen.
Dipo Faloyin
Über die Autorin
Dr. Andra Drăghiciu hat im Bereich Mitteleuropäische Studien promoviert und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Critical Film & Image Hub am Forschungszentrum Antiziganismus (Universität Heidelberg).
Quellen und Literatur
Fußnoten:
[1] NoFilmSchool: Why the Editing in 'Acasa, My Home' Paints a Heartbreaking Picture of Acceptance and Freedom (https://nofilmschool.com/acasa-my-home-editor)
Literatur:
Dipo Faloyin, Africa is not a country. Breaking Modern Stereotypes of Modern Africa, London, 2022
Radmila Mladenova, The ‘White’ Mask and the ‘Gypsy’ Mask in Film, Heidelberg, 2022
Radmila Mladenova (ed.), Counterstrategies to the Antigypsy Gaze, Heidelberg, 2024
Layla Saad, Me and White Supremacy, London, 2020
Interviews mit den Filmemachenden:
*Die folgenden Links dienen ausschließlich als Quellenangaben für den Text. Der Critical Film & Image Hub billigt oder unterstützt den Inhalt der Bilder nicht, insbesondere da sie Antiziganismus reproduzieren.
babylonberlin: Q&A with Radu Ciorniciuc at Ro-Mania Film Festival 2025 (https://www.instagram.com/reel/DLVmCCGNaE4/?igsh=Zmw2ZnZteG4wYmZz), zuletzt aufgerufen am 05.09.2025.
Beast Talks: Acasă, My Home, Radu Ciorniciuc (https://www.youtube.com/watch?v=CV39VpnNn7Q), zuletzt aufgerufen am 05.09.2025.
Film Independent Presents: ACASA, MY HOME (doc) - Q&A, Director Radu Ciorniciuc (https://www.youtube.com/watch?v=vQMteFYzAs0&t=1933s), https://www.youtube.com/watch?v=vQMteFYzAs0&t=), zuletzt aufgerufen am 05.09.2025.
No Film School: Why the Editing in 'Acasa, My Home' Paints a Heartbreaking Picture of Acceptance and Freedom (https://nofilmschool.com/acasa-my-home-editor), zuletzt aufgerufen am 05.09.2025.
TVR Cultural: A şaptea obsesie: Radu Ciorniciuc, despre filmul Acasă, My Home (https://www.youtube.com/watch?v=QqBkOvJiMdE), zuletzt aufgerufen am 05.09.2025.

